Eltern – Kinder – Schule: Raus aus dem Dilemma!

Eine politisch nicht korrekte Stellungnahme

„Was tun wir, wenn wir gehen, sprechen, zeich­nen, tan­zen

ler­nen? Nicht wahr? Wir üben und vollführen ein Werk; wir ma­chens nach, bis wirs können, bis es gelingt, mit un­sern

Kräften mit unsern Gliedern. So bei sichtbar in die Au­gen fal­lenden Künsten; bei un­sichtbaren und bei der un­sichtbarsten von al­len dem Denken findet das Lernen auf keine andre Weise statt. Sei­ne Gedan­ken kann mir der Leh­rer nicht ein­geben,

eintrichtern; meine Gedanken kann, will, und muss er durch Worte wecken; also dass sie mei­ne, nicht seine Gedan­ken sind. Worte sind bloß das In­strument, dies muss ich mit eignen

Kräf­ten, auf mei­ne Weise brau­chen ler­nen,

oder ich habe nicht geler­net.“

Johann Gottfried Herder
Aus der Schulrede vom Juli 1800


„Herders gesamtes Werk kreist um den Autonomiege­danken. Die Fähigkeit, sich selber „Läufer und Richter und Ziel“ zu sein, die „sich selber“ regierende „höhere Re­gel“ in sich zu tragen, ma­chen für ihn, wie für Kant die Würde des Men­schen aus.“

Max Lo­renzen; Mar­burger Fo­rum

Inhaltsverzeichnis

1. Alle Kinder können es schaffen,
wenn wir den Eltern helfen

We have lost the art of living; and in the most

import­ant science of all, the science of behaviour,

we are com­pletely ignoramuses!”

D.H. Lawrence

(“Wir haben die Kunst des Lebens verloren; und in der

be­deutendsten Wissenschaft, der Wissenschaft vom täglichen

Le­ben, sind wir völli­ge Ignoranten!”)

Die gesellschaftliche Lage spitzt sich mehr und mehr zu, aber immer noch wird das ganze Aus­maß vor uns verheimlicht. Die meisten Men­schen ah­nen al­lerdings, dass uns nicht zu überschauende Veränderungen ab­verlangt werden. Der Ausgang dieser Entwicklung ist noch ungewiss, denn noch verfügen wir für die Bewälti­gung dieser komplexen Pro­blemberge nicht über die nö­tige mentale Ausrüs­tung.

Die Großwetterlage „Angst vor der Zukunft“ hat sich mehr oder weniger etabliert. Wir übersehen da­bei, dass diese Angst ziemlich ungefiltert an die nachfolgende Ge­neration weitergegeben wird. Sie erleben und hören ja täglich unsere Ein­stellungen und Bemerkun­gen. In die­ser Situati­on kann niemandem eine Mitverant­wortung abge­sprochen wer­den. Alle sind gefordert gefordert und heraus­gefordert.

Stressige Zeiten sind anstrengend und folgen ei­ner be­stimmten Gesetzmäßigkeit. Vorrangig wird, zunächst sein ei­genes Leben und das seiner Lieben zu retten und seine Schäfchen ins Trockene zu brin­gen. Das reicht nicht mehr aus, wir brauchen einen Wandel im Denken. Wir sind als soziale Wesen nun einmal zur gegenseiti­gen Hilfe verpflichtet.

Überleben zu wollen, erfährt mittlerweile eine ganz an­dere Bedeutung, denn unser existenzieller Lebensraum Natur ist in Gefahr. All­mählich setzt ein Aufwachen ein, die Natur nicht mehr als etwas Abge­spaltenes anzuse­hen. Sie beeinflusst uns nicht nur von außen, nein, wir sind ein Teil von ihr. Ob uns das gefällt oder nicht. Mit ihr, anstatt auf ihre Kosten zu leben, rettet auch unser Leben. Die Zeit läuft bereits davon.

Es ist naheliegend, dass wir vor allem unsere eige­ne Na­tur, also d.h. das Wissen um die natürlichen Zusam­menhänge unseres gesamten Daseins ins Bewusst­sein retten müs­sen. In dieser wechselseitigen Ab­hängigkeit kann sich niemand vor der Verantwor­tung des Umden­kens dav­onstehlen.

Um gesund und leis­tungsfähig zu blei­ben, brau­chen wir auf allen Ebenen ein gut nachbar­schaftliches Mitein­ander – von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Kreatur, von Mensch zu Kosmos. Das schließt selbstver­ständlich die Sorge um ein gutes, verant­wortliches und relativ un­beschadetes Auf­wachsen unse­rer Kinder ein. Das ist in dieser Be­trachtung das vorrangige Thema.

Als Beispiel fällt gerade mir eine sich ausbrei­tende Schamlosigkeit ein, mit der wir uns den Kindern auf Pla­katen, in der Werbung und im Fernsehen auf­drängen. Wenn sich junge Mädchen allzu freizü­gig zeigen, hagelt es empörtes Ge­raune. Es scheint in Ver­gessenheit gera­ten zu sein, dass wir Erwachse­nen dafür verant­wortlich sind und bleiben.

Wie lange wollen wir noch warten?

Während meiner dreißigjährigen Arbeit mit Fami­lien habe ich sehr viele Erfahrungen gesammelt und ausge­wertet. Meine Betrachtungen beziehen sich auf Erfah­rungen in meiner Praxisarbeit als Kinesiologin, Media­torin und staatlich anerkannter Diätassisten­tin. Diese Auswer­tungen, gepaart mit den Er­fahrungen, die ich als Mutter und Großmutter sammeln konnte, habe ich hier zusam­mengefasst.

Meine Klienten, Kin­der wie Eltern oder Großel­tern, sind mir außeror­dentlich vertrauens­voll begeg­net und haben mir mit den Einblicken in ihr Famili­ensystem zu differenz­ierten Erkenntnissen und un­geahnten Zusam­menhängen ver­holfen. Vor diesem Hintergrund ist es mir ein Anliegen, er­starrte, fast depressive Strukturen, die Bildungsin­stitute an den Rand ihrer Leistungskraft gebracht haben, zu erläu­tern.

Diese Betrachtungen können Eltern und Fa­milien Mut machen, ihr Familienleben selbstbewusst und selbstver­trauend, un­voreingenommen und unerschroc­ken zu ge­stalten. Das jedenfalls ist meine Absicht, denn ihnen ge­bührt alle erdenk­liche Unter­stützung. Sie tragen doch die Hauptlast für die gesun­de Entwicklung ihrer Kinder zu verantwortungsbewussten Menschen, von der alle profitieren. Schule und Kinder­garten können nur Hilfs­mittel sein. Niemand kennt die Kinder so gut wie die ei­genen Eltern. Eine rein päd­agogisch-funktionale Heran­gehensweise kann weder die Eigenheiten eines Kindes, noch die Wer­te und Lebens­ziele des Elternhauses erset­zen. Im Zeit­geist zunehmender Kontrolle wird versucht, El­tern viel aus der Hand zu nehmen. Wobei bisher nur un­zulänglich bewiesen wurde, ob es öf­fentliche Institu­te auf lange Sicht wirklich besser können.

Wir haben die Wahl

Meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass El­tern auch entschlossen die Verantwortung für ein gesundes, ganzheitli­ches Gedeih­en in die Hand nehmen. Kin­der sind darauf ange­wiesen, sich an den Werten ih­rer Fami­lie zu orien­tieren. Genau in dieser Gebor­genheit ent­steht innere Si­cherheit und ein sta­biles Selbstvertrauen in die Zukunft. Die Lie­be der Fami­lie (und mag sie noch so unvollkom­men sein), schützt die kleine Seele mehr, als jegliche pädago­gische Förderung. (Im Anhang finden Sie Buchhinwei­se, in denen Sie Belege und Hintergründ­e für mei­ne Aussa­gen nachlesen können).

Leider arbeitet die Wirklichkeit gegen Eltern. Sie wer­den bis an die Schmerzgrenze verunsichert und ihre Le­bensvorstellungen in Frage gestellt. Dir Auswir­kung ist fatal, wenn fremden Au­toritäten mehr vertraut wird als der eigenen Wahrnehmung. Die Liebe und Selbstsicher­heit von Eltern ist für her­anwachsende Kin­der essenzi­ell und auch durch päd­agogische Maßnah­men nicht zu ersetzen. Ein erzie­herisches Klima, das die Wahrneh­mung von Mutter oder Vater igno­riert, ist schäd­lich.

In einem obrigkeitsstaatlichen Schulsystem wie dem unsrigen, wird Leistung vor allem an vorgegeben Stan­dards gemessen und nicht individuell am Vermögen ei­nes Kindes. Gute Noten und die Versetzung erscheinen als Beloh­nung für das Erreichen dieser Standards, was aber falsch ist. Sie sind die Folge einer ge­glückten Mi­schung aus klugem, fachge­mäßem Lernen, liebevol­ler Unterstüt­zung, ganzheitli­cher Förderung, gepaart mit ei­ner gewis­sen Begabung.

Die Zeit drängt

Ich behaupte einmal, dass es weiterhin eine Entwick­lung gibt, die Mittelmaß mit allen negativen Konsequen­zen er­zeugt, wenn es nicht gelingt, den längst überfälli­gen mentalen Auf­schwung zu meis­tern, der Jeden mit nach oben zieht. Ja, Jeden. Letzte­res würde die Leis­tungsstarken nicht nur noch mehr stärken, sondern sie automatisch mit in eine sozia­le Ver­antwortung nehmen. Eine glückliche Spiralbewe­gung nach oben könnte ein­setzen: Be­lohnte, indivi­duell anerkannte Leistung führt natur­gemäß zur Übernahme von Verant­wortung, was wie­derum den Leistungswillen weiter an­feuert. Und zwar auf allen sozialen Stufen. Alle Men­schen wer­den für ein gut funktionierendes Gemeinwe­sen und eine ge­sellschaftliche Perspektive gebraucht.

Das ist eine Tatsa­che und keine Illusion und von uns al­len hängt diese Ent­wicklung ab. Wer sich drückt, schä­digt nicht nur sich, sondern auch die Ge­meinschaft. Lei­der sieht die gegen­wärtige Entwick­lung noch recht düs­ter aus.

Viele spüren, dass ein Leben, das nur dem Erfolg, der

Konkur­renz, der Ausbeutung dient, in Wirklich­keit ein Le­ben ist, das die Menschen unglücklich macht.“

Erich Fromm, 1900 – 1980

Solange viele Kinder in der Schule lernen, dass sie dumm, unwillig oder faul sind, ohne ihnen zu zei­gen, wie sie wirklich besser werden können, wird ver­säumt, die not­wendige menschliche Verantwortung für unse­ren Nach­wuchs zu übernehmen. Auch das will ich ein­mal ausspre­chen: Wer bei den gegenwär­tigen, nach­weislich aber überholten Methoden der einseitigen Leistungsför­derung bleibt, obwohl er in verantwor­tungsvoller Positi­on steht, erfüllt seine Aufga­be nur mangelhaft.

Was uns fehlt ist ein universelles Be­wusstsein für den Zu­stand, für die tie­fe gesellschaftli­che Misere, in die wir uns geritten zu ha­ben. Wäre es „nur“ eine Bildungsmi­sere, könnte sie nämlich leich­ter be­wältigt werden. Wir befinden uns vielmehr in einer kulturelle Misere. Nicht nur mir fehlt eine deutlich erkennbare Be­reitschaft, das Problem Schu­le ur­sächlich anzugehen. Auch namhafte, engagierte Gehirnfor­scher und fortschrittliche Pädago­gen mahnen das schon lange an. Warum ist es so schwie­rig, ih­nen zu fol­gen?

Auf das Leben, das wir in der heutigen Zeit lei­der im­mer noch führen, wurden wir weder durch El­ternhaus noch durch die Schulen vorberei­tet. Wie denn auch? Der Wettlauf des Lebens hat sich un­glaublich ver­ändert und beschleunigt, sodass in im­mer kürzeren Ab­ständen Neuanpassungen erforder­lich werden. Das schafft nicht jeder. Die Zunahme an Burnout, Mobbing und Depres­sionen stehen eben­falls in diesem Zusam­menhang, auch wenn die Zu­nahme an Verunsicherung und diffusen Ängs­ten nicht zu leugnen ist. Diffuse Ängste sind gefähr­lich, denn sie sind wenigsten greifbar und ha­ben eine manipu­lative Kraft.

Die Stressfalle

Versetzen Sie sich doch bitte einmal für einige Augen­blicke in die Lage der heutigen Kinder, die zwangs­läufig in unserem Klima von Zukunftsangst und Schutzlosig­keit aufwachsen. Wie wür­den Sie sich fühlen, wenn Sie ein Kind wären? Und welche Ängste hät­ten Sie? Wor­auf wä­ren Sie wütend?

Entwicklungsgeschichtlich ist der menschliche Orga­nismus in lebensbedrohli­chen Situationen an sei­ne „Stresschemie“ausgeliefert. Haben Sie gewusst, dass für Jeden das Ge­fühl dumm zu sein oder für dumm gehalten zu werden, der schlimmste Stressor ist? Das weiß jedes Schulkind – und je­der von uns war das einmal.

Es müsste uns gelingen, über etwas ganz Einfa­ches

und nahe Liegendes zu reden, etwas, was nicht je­der hat,aber jeder einmal war. Reden wir über Kin­der.“

Frank Schirrma­cher, FAZ 21.02.05

Auch das gehört zu den Folgen von Stress. Wer sich aber bedroht fühlt, will in dem Moment nur die ei­gene Haut retten. Das bewusste, klare Denken wird ausge­schaltet und die Körperkräfte bis zum Äußer­ten mobili­siert. Es wur­de z.B. nachgewiesen, dass das Blut Depres­siver (De­pressive haben die Flucht nach innen ergriffen) mit Stresshormonen überflutet ist. (Werner Stingl, Deut­sches Ärzteblatt 12/09/2002). Was fällt Ihnen dazu ein?

Wenn Schulkinder Angst vor Versagen, Bloßstel­len oder schlechten Noten und Angst vor Bestra­fung haben, kämpfen sie im übertragenen Sinn auch ums Überleben. Zumindest versteht es der Körper so. Für die meisten Kinder ist bereits der Gang an die Tafel so stress­besetzt, dass Versagen vorprogram­miert ist. Wenn dann noch Kritik von Lehrern oder Spott der Klas­senkameraden hinzukommt, ist das Unglück perfekt.

Die Strafe folgte auf großem Fuß. Zehn Tage lang,

zu lang für jedes Gewissen, segnete mein Vater die ausge­streckten, erst vier Jahre alten Handflächen seines Kin­des mit scharfem Stöckchen. Sieben Tat­zen täglich auf jede Hand:acht hundertvierzig Tatzen und etwas mehr:

es machte der Unschuld des Kindes ein Ende.“

Christoph Meckel

Kinder brauchen Erfolgserlebnisse und Zuver­sicht, Be­stätigung und Annahme, um sich wertvoll und sinn­voll zu fühlen. Es ist bekannt, dass wer sich wertvoll und nütz­lich fühlt, aus eigenem Antrieb volle Leistung bringt.

Wer sich unsere Systeme einmal genauer an­schaut, wird zugeben, dass die vermeintliche Spaß­gesellschaft noch nicht einmal im Ansatz begonnen hat. Natürlich wäre es falsch, Zügellosigkeit mit Spaß zu ver­wechseln. Trotzdem unterliegen wir einer op­tischen Täuschung, wenn Spaß am Lernen mit Ober­flächlichkeit gleichge­setzt wird. Warum darf der „Ernst des Lebens“ denn kei­nen Spaß machen oder humorvoll sein? Es gibt ohnehin schon zu viele Men­schen, die nicht mehr lachen können oder wollen – es ist ihnen einfach vergangen.

Mittlerweile wurde von der Hirnfor­schung belegt, dass wir über ein dem Organismus inne­wohnendes, hormo­nelles Belohnungs­system verfügen (siehe Gertrud Höh­ler, Mi­chael Koch, Der veruntreute Sün­denfall, DVA). Der Neu­robiologe Joa­chim Bauer spricht von einem hormo­nellen Motivations­system. Das führt mich zu der Frage: Wann wird endlich da­mit begonnen, Kinder durch Be­stätigung besser wer­den zu lassen, anstatt durch Tadel und ungerechter Noten­gebung?

Es bedarf keines Hinweises, dass die Gesellschaft

den Kindern die vollkommendste weiseste Für­sorge

angedeihen lassen müsste – denn sie sind es doch,

von denen wir mehr Energie und größere Möglichkei­ten

für die Menschheit von morgen erhoffen.“

Maria Montessori

Damit wir uns richtig verstehen: Spaß zu haben ist nicht gleich zu setzen, sich vor emotionalen Herausfor­derungen zu drücken. Wenn wir unseren Kindern zei­gen, wie man den Anforderungen und notwendigen Pflichten des Le­bens begegnet, brauchen wir keine Angst um sie zu ha­ben, denn wer eine Zukunft hat, ist erfolgreich. Vor al­lem brauchten wir keine Angst davor zu haben, ihnen zu viel Liebe und Beachtung zu schen­ken. Davon kann es nie ge­nug geben. Wür­den das nicht all diejenigen bestätigen, die sich zu kurz gekom­men und vernachlässigt fühlen?

Mit For­derungen allein ist es leider nicht getan, denn Kinder lernen naturgemäß vor allem durch Nachah­mung. Stündlich. Minütlich. Oft mehr und eifri­ger als uns lieb ist. Aber in einer Gesell­schaft, in der Jugendlich­keit höher angesiedelt ist als Reife, fehlt eben auch der er­wachsene Umgang mit negativen Emotionen wie Ver­sagensängsten, Wut, Neid und Missgunst. Viele ha­ben so­gar Angst vor Er­folg.

Den heutigen Kindern fehlen für ihre Persönlichkeits­bildung schlicht und einfach „erwachsene“ Erwachsene, die sie in das kom­plexe Le­ben und seine widerstreiten­den Emo­tionen ein­führen. Wer soll es denn sonst ma­chen? Stattdessen werden sie planlos einem unüber­sichtlichen Konsumverhalten ausgeliefert.

Was es alles gibt, was ich nicht brauche.“

Aristoteles

Wie schon erwähnt, wurden wir von den Umwälzun­gen des einundzwanzigsten Jahrhunderts planlos erwi­scht. Der Mensch hat beinahe die ganze Entwicklungs­geschichte hindurch in umgrenzten und überschauba­ren Einheiten gelebt. In einer Massen­gesellschaft von 6 Mil­liarden Menschen zu leben, ist er ganz einfach nicht ge­wohnt. Das begünstigt allein dadurch schon irrationa­les Stressverhalten, unkon­trollierte Aggressionen oder schwer greifbare Resi­gnation. Je bewusster wir uns das ma­chen, desto mehr fällt uns dazu ein, wie wir adäquat und zu­kunftsgerecht darauf reagieren könnten.

Es führt auch in die Irre, der Logik eines schier unge­hinderten äußeren Wachstums zu fol­gen. Im Gegenteil: wir brauchen stattdessen inneres Wachs­tum. Wir brau­chen ein eher ungehindertes Wachs­tum der ganzen Per­sönlichkeit, aller Talente und ei­ner aus dem Herzen kom­menden Lebensfreude. Das liegt auch in der Verant­wortung von Eltern und Leh­rern und dem gesamten Bil­dungssystem.

Wer sich die Zeit nimmt und sich die Welt mit den Au­gen der Kinder anschaut, kommt schneller ans Ziel. Dann erfahren wir im wahrsten Sinne des Wor­tes, wie unüber­schaubar die Lebenszusam­menhänge geworden sind. Die Ideen würden nur so sprudeln um zu erken­nen, wel­che Fähigkeiten wirklich ge­braucht werden, um in die­sem „glo­balen Dorf“ glücklich und in Frieden zu le­ben. Mit überholten Vorstellun­gen von gestern aber bleiben wir Gestrige. Und das nützt niemandem.

In Frieden zu leben ist möglich

Zur Fähigkeit, menschliches Überleben langfristig zu sichern, gehört zweifellos das Mitgefühl. Wir sind ge­neigt, Mitgefühl mit Mitleid zu verwechseln. Jeder hat schon einmal beobachtet, wie sich das Gesicht im Schmerz verzieht, wenn man sich mit dem Leid ei­nes an­deren zu sehr identifiziert. Das ist Mitleid, man leidet mit und spürt das Leid eines Anderen förmlich am eige­nen Leib. Wer sich aber mit dem Leid eines anderen zu eng verbindet, verliert seine Handlungsoptionen. Mitge­fühl dagegen löst Gefühle der Hilfsbereitschaft und das Be­dürfnis zu trösten aus. Mitgefühl ist eng mit Liebe und Annahme ver­bunden. Es verfügt darüber hinaus über eine heilen­de Wirkung. Mitleid und Selbstmitleid liegen aller­dings eng beieinander.

Wenn wir, wie so oft in der alltäglichen Gedankenlosig­keit, Kindern Faulheit oder Desinteresse unter­stellen, verzichten wir auf Mitgefühl. Fehlt es aber im Umgang mit Kindern, liegt es nahe, an ihnen zu ziehen und zu zerren, bis sie den gängigen Vorstel­lungen entspre­chen. Ohne Mitgefühl verzichten wir auf die Kraft der Liebe. Den Folgen dieser gedankenlo­sen Lieblosigkeit begeg­nen wir leider überall. Auch in uns selber.

Erwachsene haben die größere Lebenserfahrung und den grö­ßeren Überblick. Im Bewusstsein ei­ner verant­wortungsbewussten Liebe zu den heran­wachsenden, neugierigen, interessanten und wissbe­gierigen Kin­dern, werden wir unsere Aufgabe gut machen. Gut ma­chen hieße allerdings auch, wieder gutzumachen, was in den letzten Jahren und Jahr­zehnten versäumt wurde.

Fangen wir an! Und zwar gemeinsam …



2. Kinder sind Brücken in den Him­mel

Efeu und ein zärtlich Gemüt heftet sich an

und grünt und blüht. Kann es weder Stamm noch Mau­er fin­den, es muss verdorren, es muss ver­schwinden.“

Johann Wolfgang von Goethe

Unsere Kultur hat sich angewöhnt, Kinder an dem zu mes­sen, was sie „können“ oder richtig machen. Sie dür­fen nicht etwa einfach nur „sein“, Kind sein, und damit so sein, wie Kinder eben sind: neugierig, wissbegierig, ei­genwillig, stürmisch, manchmal „ganz Gefühl“, ein an­deres Mal „ganz Wille“ oder „ganz eigene Vorstellung“. Aber immer ganz, ganz le­bendig, Entdecker und Aben­teurer.

Kinder sehnen sich nach sich selber

Warum lassen wir sie nicht einfach sein? Warum schenken wir Ihnen nicht Aner­kennung dafür, dass sie uns als die wissbegie­rigen, von Herzen neugieri­gen, uns täglich überraschenden Menschen durch den Alltag be­gleiten? Wovor haben wir Angst? Was gefällt uns nicht an ihrem inneren Antrieb? Ich bin davon überzeugt, dass uns mehr Vertrauen, auch in eine gesunde Ent­wicklung von Kindern, gut täte. Kontrolle braucht Kon­trolleure.

Es ist ganz natürlich, dass Kinder lernen wollen, wie man etwas „ist“ in diesem Leben, in dieser Gesell­schaft. Und sie üben es täglich in ihrem Bestreben, sich alles anzueignen, was sie dafür brau­chen. Wenn Wissen und Können nicht dazu führen, statt „ich kann“, „ich bin“ zu sagen, lau­fen wir einer ge­sunden und liebevolle Ent­wicklung hinter. Damit wer­den Kinder, und damit auch der ganze Bildungssektor wei­terhin kein „Sozialpresti­ge“ bei uns haben. Bevor­munden und maß­regeln und Kinder in viel zu enge Kin­dergärten und Schu­len zu schicken, so nach dem Motto: Im­mer mehr des­selben, nur frü­her und stringen­ter, kann es doch nicht sein.

Damit schmälere ich nicht die enormen Leistun­gen derjenigen, die sich tagtäg­lich mit Herz und Engage­ment für eine gesunde Ent­wicklung ein­setzen. Im Ge­genteil, gerade auch sie brauchen gesellschaft­liche Un­terstützung. Eine angemesseneren Bezah­lung wäre Mi­nimum.

Am liebsten möchte ich appellieren, uns nicht um die beste aller Mög­lichkeiten zu bringen, uns näm­lich von unse­ren Kindern anstecken zu las­sen, wie­der neugierig, wiss­begierig, eigenwillig, stür­misch, manchmal „ganz Gefühl“, ein anderes Mal „ganz Wil­le“ zu werden. Auch in jedem Erwachsenen steckt ein Abenteurer und Entde­cker.

In dieser Unbedingtheit sind Kinder Brücken in den Himmel – und zum lebendigen Leben. In dieser Unbe­dingtheit können sie unse­re Vorbilder sein und unsere Herzen spontan berühren. Jedenfalls, wenn wir offen da­für sind.

Ein Kind ist eine sichtbar gewordene Liebe.“

Novalis 1772-1801

Mir gibt es immer mehr zu denken, dass sich die meis­ten Kinder zwar sehr auf den ersten Schultag freuen, aber innerhalb von nur drei bis vier Jahren gelernt ha­ben, bestimmte Lehrer nicht zu mögen, bestimmte Fä­cher abzulehnen, nicht gern zu le­sen, unaufmerksam zu sein, sich nur halbherzig zu kon­zentrieren oder sich zu langweilen. Viel zu vielen Kindern wird nicht mal mehr beigebracht, richtig zu schreiben und zu rech­nen. Als Ausrede gibt es die dazu passende Krankheit.

Wer ver­sagt da eigentlich, wenn dieser Art Krankheiten zwar therapiert und gleichzeitig als therapieresistent be­zeichnet wer­den? Kinder verstehen sich auf Selbst­schutz, man muss ihn nur zu deuten wissen. Wer ihren Rückzug oder auffälliges Verhalten aushalten kann, kommt schnell auf neue Ideen. Ich behaupte, dass wir bis zum heutigen Tag unsere Kinder – diese kleinen „Lernmaschinen“ – nicht richtig erkannt haben. Infolge­dessen wird ihnen auch nicht an­gemessen be­gegnet.

Das ist die falsche Frage:„Wie erreicht man mehr Bil­dung durch noch bessere oder früher einsetzen­de Kulti­vierung mithilfe eines Systems, das zu dieser Mi­sere ge­führt hat, also ein Teil des Problems ist?“ Die rich­tige Frage wre: „Wie haben wir es geschafft, unse­ren Kin­dern die Lust am Lernen und die Über­nahme von Ver­antwortung ma­dig zumachen oder gar auszutreiben? Und wie wollen wir das ändern?“

Mir ist durchaus bekannt, dass die öffentliche Diskussi­on in eine andere Richtung geht, aber das än­dert nichts an der Notwendigkeit grundlegender Veränderun­gen. Es gibt eine große Anzahl an verär­gerten und verzwei­felten Eltern und Lehrern, die nach einem anderen Weg su­chen. Die brauchen ebenfalls Beistand und Unterstüt­zung. Wir müssen Viele werden!

3. Kin­der „müs­sen“ in die Schule!

Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ih­ren See­len, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht be­suchen könnt, nicht einmal in euren Träu­men.“

Khalil Gibran, der Prophet

Ein möglicher Irrtum: Kinder „müssen“ in die Schule. Um es vorwegzunehmen: Natürlich müssen Kinder in die Schule gehen. Zumal in Deutschland mit seinem Schulzwang. Beispielsweise gibt es in Dä­nemark nur eine Unterrichtspflicht, für die die El­tern eigenverant­wortlich zu sorgen haben. Das halte ich persönlich für sinnvoller, weil es weniger Raum lässt, Verantwortung hin und her zu schieben.

Schule ist eine öffentliche oder private Einrich­tung

mit der Aufgabe, Kindern und Jugendlichen durch planmäßi­gen Unterricht Wissen, Er­kenntnis, Ein­sicht und die Fä­higkeit begründetem Urteil zu ver­mitteln. (…) neben dem Er­werb ei­ner Qualifikation durch Kenntnisse, Fähig­keiten und Fertigkei­ten hat Schule vor allem folgende Funkti­on: Anpassung an das soziokulturelle System, Ausles­e über Prüfun­gen, Zensuren und verschie­dene Schular­ten und Rechtfertigung und Stabilisie­rung der vor­liegenden Ge­sellschaftsordnung.“

Brockhaus, Neunte neu bearbeitete Auflage

Bei uns gehen Kinder aufgrund des Schulzwangs in die Schule. Ich drücke es mal hart aus: Damit wer­den El­tern automatisch zu den Vollstreckern dieses Zwangs ge­macht. Ist das wirklich eine geeignete Maßnahme, Frei­heit, Fähigkeit und Lust am Lernen zu fördern? Logi­scherweise be­günstigt ein unfrei­heitliches System alle­mal Unfreiheit. Zumal es ver­sucht,

„… durch planmäßigen Unterricht Wissen, Er­kenntnis,

Einsicht und die Fähigkeit zu begründetem Urteil

zu vermitteln“. (Zitat) „… hat Schule vor allem fol­gende Funk­tion: Anpass­ung an das soziokulturelle System, Aus­lese über Prüfungen, Zensuren und von verschiedene Schul­formen …“ (Zitat)

Eine Gesellschaftsordnung betrügt sich um wert­volle Ressourcen und die eigene Zukunft, wenn sie Kinder nicht entsprechend ihrer Bega­bungen und Lernvoraus­setzungen fördert. Es ist bekannt, dass eine Kette immer an ihrem schwächsten Glied bricht. Es wäre von großem Nutzen für alle, wenn wir unse­ren Einsich­ten und mo­dernen Erkenntnissen folgen würden.

Es gibt natürlich auch inhaltliche Kritik an Unter­richt und Lehrplänen. Die PISA-Studie hat das be­legt, auch wenn sich einiges zu bessern beginnt. Mei­ne Kritik ist systemisch. Genauer gesagt so­gar holo­grafisch, was be­sagt, dass das Ganze in je­dem seiner Teile vorhanden ist. Wenn keine System­fehler oder Verstöße gegen das Ganz­heitsgesetz vor­lägen, wür­den Lehrkräfte zu allge­mein hoch ge­achteten Autori­täten zählen. Tun sie aber nicht, obwohl ihre Aufga­be fundamental ist, ihre Arbeit also das Funda­ment einer Gesell­schaft nachhaltig festi­gen sollte.

Ich kann mir keinen Zustand denken, der mir unerträglicher und schauerlicher wäre, als bei lebendiger und

schmerzerfüllter Seele der Fähig­keit beraubt zu sein,

ihr Ausdruck zu Verleihen.“

Michel de Montaigne

Lehrer und Lehrerinnen gehören zu einer stark kriti­sierten Gesellschaftsgruppe. Sie gelten mit ih­rem ver­kanntem „Halbtagsjob“ und den mehrwöchi­gen Ferien, landläufig als zu wenig engagiert. Es wird aber überse­hen, dass sie meist in schlecht er­haltenen Schulen und viel zu großen Klassen unter­richten. Es erstaunt mich, dass sie nicht die Lautes­ten bei der Einforde­rung eines angemessenen Ar­beitsplatzes sind. Ja, natürlich, Beam­te dürfen sie das nicht.

Dabei hat doch Je­der seinen einzigartigen und indivi­duellen Fingerabdruck. In der Schule scheint er stören. Scheinbar gegensätzliche Gefühls- und Charakterzu­stände ma­chen Menschen generell zu dem, was sie sind – göttli­che Wesen. Es ist fatal, dass bei dem Übermaß an Vorgaben auch die Vielfalt der Lehrkräfte nicht voll zur Geltung kom­mt. Dieses Auslese-System vernachl­ässigt ebenfalls seine Lehr­kräfte.

Niemand kann andere Menschen gut führen, wenn er sich nicht ehrlich an deren Erfolgen zu freuen vermag.“

Thomas Mann

Die Schule erwartet aber nun einmal, dass Schüler auf eine ganz bestimmte Weise lernen. Wer in dieses Muster passt, hat Glück gehabt, gilt als fleißig oder eben begabt. Wer nicht hineinpasst, wird als stö­rend bis unwillig, als hyperaktiv oder lernbehindert ein­gestuft. Das ist die traurige Wahrheit. Wie sollen schlussendlich die Kinder und Jugendliche mit ihrer mangelnden Lebenserfahrung eigentlich auf ihre Be­dürfnisse aufmerksam machen? Wie können sie denn lernen, berechtigte Kritik zu äu­ßern, wenn man ihnen kein Forum bietet und Lehrer ihre Zu­kunft und den Familienfrieden in der Hand ha­ben? Das wollen Viele so nicht hören, also bleibt nur der Protest.

Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass das Gefühl sich dumm zu fühlen im Organismus den größten nega­tiven und emo­tionalen Stress auslöst. Würde das beher­zigt, könn­te die all­gemeine Leistungsfähig­keit ohne Mühe an­gehoben wer­den.

Negativer emo­tionaler Stress verursacht ohne Ausnahme tiefen Selbstzweifel und diffuse Ängste, die zu einer selbst er­füllenden Prophezeiung werden. Viele Schüler sind oder bleiben in diesem Kreislauf gefangen, wenn ih­nen zu Hause dafür auch noch Liebe und Verständ­nis entzogen wird. Nach dem Motto: Was nicht nach Plan läuft, fällt durch!

Kinder – die lebenden Botschaften, die wir

einer Zeit übermitteln, an der wir selbst

nicht mehr teilhaben werden.“
Neil Postman

Unter den gegenwärtigen Bedingungen bleibt die so­ziale Gerechtigkeit auf der Strecke. Ebenso die Anerken­nung der Leistung engagierter Lehrer. In ei­nem System, das Anerkennung verweigert und Feh­lern die größte Aufmerksamkeit schenkt, gibt es vie­le unglückli­che Men­schen. Es kommt nicht von unge­fähr, wenn Schulen zu ei­nem Hort der Gewalt wer­den. Es ist unend­lich trau­rig zuzu­schauen, dass da kein Ende abzusehen ist.

Aus diesem Grund sehe ich es mit sehr gemisch­ten Ge­fühlen, dass Eltern gesetzlich dazu verpflichtet wer­den, ihre Kinder in die Schule zu schicken, und bin damit nicht allein. Wenn ich mir die Kon­sequenzen für ein be­geistertes Lernen be­wusst ma­che, wenn es ein Straftat­bestand ist, sei­ne Kinder zu Hause oder selber zu unter­richten, fällt mir nichts Gutes ein. Aus dargelegten Gründen und aus der Überzeugung her­aus, dass Kinder einen An­spruch auf Schutz zum Zwecke eines gesunden Auf­wachsens haben, bin ich nicht damit einverstanden.

Anstatt unsere Kinder zu schützen, schützen und ver­teidigen wir ein Auslesesystem. Dazu gehört automa­tisch das Aufstellen von Regeln, deren Einhal­tung wie­derum überwacht wer­den muss. Weil es eben nicht na­türlich ist, Kinder in „Zwangssysteme“ zu stecken. Des­halb wer­den auch mehr Erklärungen abgegeben, anstatt die richtigen Fragen zu stellen. Wir haben uns leider, lei­der abgewöhnt, selber zu den­ken und zu hinterfragen.

Dessen ungeachtet …

Alle Kinder sehnen sich danach, etwas zu können, in ir­gendetwas „der Größte“ zu sein. Und sie wollen aus ih­rem in­nerem Selbsterhaltungstrieb heraus, dazugehö­ren. Aber sie sehnen sich nicht nach dem Kinder­garten – auch nicht primär nach der Schule. Sie seh­nen sich da­nach, mindestens so gut, so geschickt und gescheit zu sein wie ihre Eltern, Geschwister, Freun­de und Ver­wandte.

Kin­der sehnen sich nach dem lebendigen Leben. Nach einem Leben, wie sie es erleben bei den Menschen, die sie umgeben. Sie sehnen sich danach, geliebt zu werden von den Men­schen, die sie umgeben. Und dafür möchten sie so wer­den wie die­se, so viel wissen wie sie, so sein wie sie. Das fällt ihnen leicht, denn ihre außerordentlich gute Beob­achtungsgabe lässt sie alle Feinheiten menschlichen Ver­haltens wahrneh­men. Sie ahmen ihre Eltern, Pädago­gen und an­dere Autoritäten nach, weil sie sie als Autori­täten anneh­men, die Bescheid wissen.

Weder Schule noch Sozialisierung, sondern die
Reifwerdung ist der Schlüsselfaktor, um ein

Kind fit für die Gesellschaft zu machen.“

Gordon Neufeld, Entwicklungspsychologe

Diese Anpassungsleistung gewährleistet ihnen Schutz und Sicherheit. Deshalb sind Erziehungsmaß­nahmen, die dem entgegenstehen, so vergeblich. Da helfen auch keine Strafen, Drohungen oder Vorhal­tungen, sie stiften nur Verwirrung. Unbewusst wird der Schluss gezogen, dass es nicht gut ist, so wie die El­tern zu werden. Schlim­mer noch: Sie werden be­straft, wenn sie es tun. Getreu dem Motto: „Tu was ich sage, aber nicht, was ich ma­che!“

Sobald wir es schaffen, unser Zusammenleben auch mit den Au­gen der Kinder zu sehen, würden wir sogar schnell gute Lö­sungen finden. Gute Lösun­gen brauchen nämlich genau die Krea­tivität und Spontaneität, über die Kin­der reichlich verfügen.

Was ein Mensch zu leisten vermag, geht über Schul­leistungen weit hinaus. Nehmen wir als Bei­spiel „Ver­zicht leisten“. Im alten Wertesystem war das etwas Posi­tives. Es wird beklagt, dass heutige Kinder dazu offen­bar nicht mehr bereit sind. Und nicht nur die Kin­der.

Würden wir beispielsweise anerkennen, dass Kin­der einen Verzicht LEISTEN, wenn sie statt zu spie­len, in die Schule gehen oder Hausaufgaben machen, würde neben unserer Achtung vor ihnen auch deren Motivation stei­gen. Wenn Kinder sich in ihrer tiefs­ten Seele mit ihren unendlichen Bemühungen aner­kannt fühlen, wachsen sie über sich hinaus. Sind wir nicht geradezu verpflich­tet, sie auch für emotionale Leistung zu belohnen? Das Wort „Bildungsnation“ wird dem in keiner Weise ge­recht.

Alle leiden an den Folgen dieses Systems

Gute Schulleistungen sind ein Teilbereich im Le­ben ei­nes Kindes, der gerne zur Hauptsache hochge­jazzt wird. Es fragt sich nur, warum das nicht ein Le­ben lang an­hält? Warum sind viele Schüler nicht aus­bildungsfähig? Warum ist Lustlosigkeit am Arbeits­platz so verbreitet? Warum verebbt die Lust am Ler­nen, sich einzufügen oder sich einzubringen im Laufe des Lebens immer ab?

Zu einem geglückten Leben gehört eben doch mehr, als gute Schulnoten und keine Fehler zu machen. Auch we­niger gute No­ten sind definitiv keine Vorboten für ein Leben im Schat­ten. Im Gegenteil, denn emotionale Intel­ligenz ist ein wesentlicher Baustein einer gesunden Ge­sellschaft.

Ist`s möglich, dass jeder seine Arbeiten wählt, die für ihn sind,Stunden wählt, die für ihn sind, keinen Unter­schied

an Klassen und Ordnungen findet und finden will: Wie viel

wäre damit ausgerichtet! So hat jeder seine Lieb­lingsstunden und – arbeiten, so fällt der Rangstreit weg, und das,

was bleibt, ist nur Ord­nung.“

Johann Gottfried Herder

„Schule könne nicht alles leisten!“ wird gern als Vor­wand benutzt, Eltern zu verunglimpfen. Aber El­tern auch nicht, jedenfalls nicht in einem System, das von Fa­milien sehr viel Zeit beansprucht. Der An­spruch an Schule, bzw. an das ganze System, kann also gar nicht hoch genug sein, damit sie sich nicht nur ihrer Macht, sondern auch ihrer hohen Verant­wortung bewusst wird. Ein bevorstehen­der Kollaps lässt sich in der Regel an der zunehmenden Ver­nachlässigung des Äußeren vor­hersagen. Schau­en Sie sich den Zustand der meisten Schulen an, was bahnt sich da an?

Werte schaf­fen Verbindlichkeit, die gesunde Beziehun­gen fördert. Welche „werterhaltenden“ Werte wol­len wir denn konsequent vorle­ben? Welche zeitgemäß­en Werte wollen wir kreieren, um den heuti­gen Herausfor­derungen entsprechen?

Es kann doch nicht so schwer sein, den Kindern vorzu­leben, wie viel Spaß es macht, erwachsen zu sein, für sich selber und andere Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Lebensmöglichkeiten auszuschöpfen. Wäre dann noch ein Schüler daran inter­essiert, die Schu­le zu schwänzen oder Hausauf­gaben zu verbum­meln? Würde es vielleicht sogar „uncool“ wer­den, rüpel­haft, fordernd oder mager­süchtig in das Erwachsenenle­ben zu stolpern? Visio­nen sind gefragt! Und Geduld.

Ja, Kinder „müssen“ in die Schule gehen

Aber vielleicht anders, als wir denken. Eltern könnten aufhören, Angst vor einem System zu ha­ben, das alle Macht über das Wohl und Wehe ihrer Kinder zu haben scheint. Es braucht Mut, wieder echte fachli­che und emotionale Leistung von den Lehrern zu for­dern. Auch Lehrer könnten mit der Gewohnheit aufhö­ren, Angst vor den Schülern zu ha­ben. Es ist doch gera­dezu absurd, dass die Verant­wortung bei den Schü­lern gesucht wird, wenn das Lehrpersonal nicht für sei­ne emotionale Fit­ness sorgt.

Jeder, der so intensiv mit Menschen zu tun hat, dass er in deren persönliches Le­ben eingreift, ist ethisch ver­pflichtet, sich emotio­nal so fit zu halten, dass er den Sturm von Kindern und Jugendlichen standhält. Wer sich mit seinen Schülern und Schülerin­nen emotional verstrickt, hat schlicht die schlech­teren Karten.

Die Seele nimmt die Farbe der Gedanken an.“

Anonym

An Lehrer werden aus gutem Grund hohe morali­sche Anforderungen gestellt, ihnen kann niemand entkom­men. Wenn die gesetzli­che Schulpflicht kei­nen Schaden anrichten soll, ist es Zeit, Ansprüche zu stellen und als El­tern die Angst zu verlieren. Der An­spruch ist nicht ge­ringer, als aus unse­ren Kindern ausnahmslos fachlich und emotional leistungsfähige Men­schen zu machen.

Warum nur werden Leh­rkräfte so oft frühpen­sioniert?

4. Kinder „müssen“ in den Kinder­garten

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht

eure Ge­danken, denn sie haben ihre eigenen Ge­danken.“

Khalil Gibran

Kein Irrtum: Kinder wollen lernen und sich entfal­ten. Die Schule baut auf dem Fundament von Eltern­haus und Kindergarten auf. So sicher wie das Funda­ment gebaut ist, so sicher wird auch das Haus sein, das dereinst dar­auf entstehen wird. Eigentlich eine Binsenweisheit. Des­halb ist es auch erlaubt, etwas hinter die Kulissen zu schauen.

Zwar hat sich viel geändert in den letzten Jahren, aber der Stein des Weisen wurde noch nicht gefun­den. An die­ser Stelle zitiere ich Peter Schellenbaum (ehemaliger Studentenpfarrer und Psy­choanalytiker nach C.G. Jung):

Viele Erwachsene halten ein Kind immer noch

für ein leeres Wesen, das der Erwachsene mit etwas an­zufüllen berufen ist. Was für ein folgenschwe­rer, verhäng­nisvoller Irr­tum! Die Empfänglichkeit des Kindes wird ver­wechselt mit in­nerer Führungs- und Orientierungslosig­keit. Dabei bezieht sich der existenzi­elle Moment der Emp­fängnis, dem das Kind näher als der Er­wachsene ist, ganz im Ge­genteil auf größere Weckbar­keit im Lebenspotenzia­l, auf Verfügbarkeit für Ent­wicklungssignale aus der eige­nen Anlage, die nach liebevol­ler Spiegelung, Bestätig­ung und Förderung durch den Erwachse­nen rufen. Die darge­stellte mediale Durchlässigk­eit für die Grund­strukturen der Psy­che und der Welt zei­gen das Kind be­reits als mit ei­ner eindeutig­en inne­ren Führung ausge­stattet. Das Kind ist sein eigener Füh­rer.“

Peter Schellen­baum, Die Spur des verbor­genen Kin­des

Für Maria Mon­tessori, der großen italienischen Ärz­tin und Pädagogin des zwanzigsten Jahrhunderts, bedeutet­e Erziehung vor allem, ein Kind in der Ein­maligkeit sei­nes Wesens von Grund auf ernst zu neh­men und auf sei­nen Selbstbil­dungswillen zu vertrau­en. Sie hat ih­ren Grund­satz in fol­gendem Satz ganz schlicht zusammen­gefasst:

Hilf mir, es selbst zu tun.“

Maria Montessori

Einer Idealvorstellung entsprechend ist es förderlich, dass kleine Kin­der mit anderen kleinen Kindern über die Hälfte des Ta­ges in Kindergärten zu­sammen sind. Kin­der ler­nen weniger von Vater oder Mutter oder Ge­schwistern, auch nicht von Nach­barn oder Verwand­ten. Wir wissen schon, dass Kinder durch Nachah­mung ler­nen, sonst hät­ten sie weder sprechen noch laufen ge­lernt. Und sie ler­nen viel schneller und um­fassender, wenn ihre Vor­bilder nicht nur aus Gleich­altrigen beste­hen, die ja auch noch nicht richtig sprechen oder sich ge­zielt bewegen können. Diesen ursächlichen Mangel gleichen auch kei­ne frühkindli­chen Förderprogramme aus­. Es ist ein Be­wusstseinsmangel der Gesell­schaft, die mit Vorlie­be ausgrenzt.

Eine Kette bricht an ihrem schwächs­ten Glied

Kleine Kinder haben eine große Sehnsucht, von Älteren zu lernen oder Jüngeren zu helfen. Wird das gefördert, wird ein wichtiger Grundstein für Empathie gelegt.


5. Kinder „müssen“ erzogen wer­den?

Ihr dürft euch bemü­hen, wie sie zu sein, aber

ver­sucht nicht, sie euch ähnlich zu machen Denn das Leben läuft nicht rück­wärts, noch verweilt es im Gestern.“

Khalil Gibran

Noch ein Irrtum: Kinder „müssen“ erzogen wer­den: In den verbreiteten Vorstellungen sind Kinder eine Art Wildwuchs, der Kultivierung braucht. Wir sind geprägt und deshalb davon überzeugt, ständig eingreifen zu müs­sen. Die­se Auffassung erlebt z.Zt. sogar gerade eine neue Blüte. Besessen von der Überzeugung, dass Kinder Gren­zen brauchen, wer­den ihnen falsche Vorstellungen aufge­nötigt. Gren­zen ohne Einsicht brauchen Gehorsam. Doch darum geht es nicht. Grenzen einhalten zu kön­nen, ist noch kein Wert an sich. Ich halte es für sinnvol­ler, zwi­schen Verboten und Geboten zu unterscheiden.

Es wird zu wenig berücksichtigt, dass jede Gene­ration letzten Endes ihren eigenen Weg finden muss und will. Das gilt auch für de­ren Abgrenzung gegen­über den Le­benserfahrungen, Moralvorstellungen oder Gewohnhei­ten vorhergehender Generationen. Kinder brauchen ei­gene Erfahrungen, die sie im Windschatten von Erwach­senen machen dürfen.

Kinder brauchen Windschatten

Kinder sind weder unfertig noch unsere Feinde, selbst dann nicht, wenn sie Autoritäten zum Teil massiv infra­ge stellen. Im Gegenteil, denn sie regen zum Nach-Den­ken und Über-Denken über die Wirk­samkeit alter Mus­ter an. Sein Denken so ganz neben­bei zu erneuern, halte ich für einen effektiven Jung­brunnen.

Wenn wir uns auch noch auf uns selber, unsere Ziele und Lebensvorstellungen einlassen, sie vertre­ten und verteidigen, hätten wir in Diskussionen ech­te Argumen­te und Leitlinien. Wir hätten es auch viel leichter, wenn wir dem Nachahmungseffekt vertrau­en und Kinder praktisch nebenbei lernen, wie man sich Einflüssen und Über­griffen gegenüber abgrenzt, wie man Gesprä­che führt, Hilfsbe­reitschaft zeigt, und so weiter und so fort.

In jedem Kind ist etwas Ursprüngliches,

woran alle abstrakten Prinzipien und Maximen schei­tern.“

(Es sei denn, man tut ihnen Gewalt an, A.d.V..)

S. Kierkegaard

Dafür brauchen sie Eltern und Lehrer, die ihre ei­genen Grenzen kennen. Das können nur diejenigen glaub­haft rüber brin­gen, die sich für die eigenen In­teressen und Bedürfnisse einsetzen und dabei auch die Gemeinschaft im Auge haben. Ganz ohne Coura­ge geht das nicht. Kin­dererziehung ist vor allem Selbsterziehung, denn das Zu­sammenleben mit ih­nen deckt eigene Defizite scho­nungslos auf. Kinder und Jugendliche setzen uns einen deutlichen Spiegel vor die Nase. Es bringt gar nichts, den Blick hinein zu vermeiden.

Jeder, wie auch immer geartete Missbrauch, be­ruht darauf, dass sich Verantwortliche nicht selber diszipli­nieren und sich selber keine Grenzen setzen. Dies zu tun, bzw. dazu überhaupt fähig zu sein, ist ein aus­schlaggebender Aspekt der gesamten Kinder­erziehung. Spezi­ell im Zusammenhang des sexuellen Miss­brauchs, besser, der sexuellen Machtausübung und emo­tionaler Ausbeu­tung, muss dieses unbe­dingt eingefor­dert wer­den. Statt Grenzen einzuhal­ten, müssten sich Kinder darauf verlas­sen kön­nen, dass es die Erwachsenen in ih­rer Umgebung tun. So geben Eltern beispielsweise eine unausge­sprochene Erlaub­nis, ihre Grenzen zu über­schreiten, wenn sie sich regelmäßig überrumpe­ln oder aus­nutzen las­sen. Was bringen sie ihren Kindern damit bei?

Wir stehen vor einer Zeitenwende

Ich komme noch einmal zurück auf die Vielfalt mensch­licher Ausdrucksweisen. Zwangsläufig hat auch jede Fa­milie ihre individuellen Vorstellungen und eige­nen Stil, mit dem die Familienziele erreicht und das Le­bensglück gestaltet werden sollen. Dass das in unter­schiedlich aus­geprägter Bewusstheit ge­schieht, liegt in der menschli­chen Natur begründet, ändert aber nichts daran, dass überall nach brauch­baren Werten und Glau­benssätzen gelebt wird. Für das Aufwachsen von Kindern ist das von ungeheurer Bedeutung. Ein geistiger Überbau an Orientierung und Vertrauen fes­tigt eine gesunde Zugehör­igkeit sowie Verbundenheit mit der Welt.

Kinder brauchen Klarheit

Eigentlich wäre es einfach, Kinder zu erziehen, wenn Eltern und andere Autoritäten im Vertreten ih­rer eige­nen Interessen und Bedürfnissen ehrlicher wären. Dop­peldeutige Botschaften fordern Kinder und Ju­gendliche geradezu heraus, Autoritäten zu hinterfragen oder stumpf herauszufordern.

Sie ver­langen nach Klarheit.

Kinder sind uns ergeben, was mit Übernah­me von El­ternschaft enorme Verantwor­tung bedeutet. Die meis­ten El­tern sind auch durchweg von dem Motiv bewegt, ihre Kinder nicht enttäuschen zu wol­len. Das sogar auf die Ge­fahr hin, sich selber dabei zu überfordern.

Was spricht dagegen, Kinder erziehen zu wollen? Ich bin der Meinung, dass das Wort Erzie­hung ver­räterisch wohlwol­lend klingt, weil sich da­hinter lei­der auch viele seelische Grausamkeiten verstecken kön­nen. Damit will ich beileibe nicht aus­drücken, dass jede seelische Grau­samkeit dem Kind bewusst angetan wurde oder wird. Das spielt auch keine Rol­le für die schlimme Wirkung in der Seele eines ver­trauensvollen Kindes. Das Kind ist so exis­tenziell auf Vertrauen angewiesen, dass es eine na­türliche Her­zensangelegenheit ist, dieses Ver­trauen nicht zu missbrauchen.

Kinder brauchen Schutz und Behütung und damit ein Klima der angstfreien Erprobung eines eigenen Lebens­ausdrucks. Jugend­liche führen uns das sehr genau vor Au­gen in ihrer teilweise sehr eigenwilli­gen Kleidung, Fri­suren oder Habitus. Ohne Vorverur­teilung und mit offe­nen Oh­ren könnte man zwischen den Zeilen ihre Hil­ferufe die­ser durchaus ernsthaft su­chenden Heranwach­senden hö­ren. Sie wollen sich erproben und wissen, wie sie in diese Welt passen. Sie su­chen ernsthaft, nur auf ihre Wei­se, nach Orien­tierung in einer orientierungsl­os geworde­nen Welt. Ihnen ist bewusst, dass ein gan­zes Le­ben vor ih­nen liegt, das sie auch gestalten wollen.

Kinder wollen in die Welt passen

Wenn wir hingegen Fernsehen, Videospiele, Computer­spiele oder auch das Markenbewusstsein schuldig spre­chen, zeugt das für ein Wegsehen von den wahren Ursa­chen. Es ist eine Art Wegschauen von den tieferen Stö­rungen, die die Erwachsenen zu verantworten ha­ben. Es ist immer viel leichter, die Buhmänner in äuße­ren Er­scheinungen zu suchen. Es gibt keine bessere Möglich­keit, das unangenehme Gefühl, etwas Entscheidendes än­dern müssen, zu be­täuben.

Die unbequeme Tatsache, dass alle gesell­schaftlichen Erscheinungen erwachsene Men­schen zu verantworten haben, denn nur sie sitzen an Schalthebeln von Macht und Einfluss, muss ge­schluckt werden. Nicht die Kinder haben sie herbeige­schafft, son­dern wir. Nicht Schule, El­ternhaus, Kir­che, Verlust der Werte oder was sonst noch die Ge­meinschaft zusam­menhält, hat versagt, sondern wir haben uns kol­lektiv aus der Verantwortung für eine glückliche Zu­kunft gezogen. Nichts entsteht ohne un­sere direkte oder indi­rekte Einwirkung.

Wer hin­schaut, muss handeln

Kindliches Denken, dass es irgendwer zu verant­worten oder zu richten hat, führt in die Irre. Zeiter­scheinungen wie Essstörungen, egal ob dünn oder dick, Hotel Mama, zunehmende Rücksichtslos­ig- und Unhöf­lichkeit, Gewal­terscheinungen in vie­len For­men, u.v.a.m., haben nicht in erster Linie mit dem all­gemeinen Verlust von Werten zu tun, son­dern mit ei­ner allgemeinen Flucht aus Ver­antwortung und Ver­bindlichkeit. Orientie­rungslosigkeit hält niemand lange aus.

Auch der Jugendkult ist ein Ausdruck einer extre­men Beschäftigung mit sich selber und eine Form von Ver­weigerung, gesellschaftliche Verantwor­tung über den Tag hinaus zu übernehmen. Besitzstände werden über das Verfallsdatum hinaus bewahrt. Eine Rückbesin­nung ist längst überfällig, wenn wir über­haupt fä­hig sein wol­len, Kindern zu helfen, besser zu wer­den und echte Zu­kunftsperspektiven zu entwi­ckeln. Sowieso ist es un­sere Aufgabe, die wir nicht, ohne selber Schaden zu neh­men, vernach­lässigen können. Am besten wir tun es.

Wer wünschte sich nicht ein glückliches Leben?

Aber um zu erkennen, was uns zu unserem Lebensglück

verhelfen kann, dazu fehlt uns der richtige Blick.

Nichts ist schwerer, als sich des glücklichen

Lebensteilhaftig zu machen.“

Seneca, Vom glücklichen Leben

Schließlich hängt ein gelungenes Familienleben sehr stark davon ab, wie die neuen Erdenbürger in­tegriert werden. Man könnte sie als kleine Außerir­dische be­trachten, die sich an das Erdenleben ge­wöhnen und die Gepflogenheiten erst noch ken­nen lernen müssen. Es ginge uns allen besser und wir wären empathischer, wenn Integration eine ver­bindliche Maxime wäre.

Kindergarten und Schule spalten Kinder zunächst ein­mal ab, auch und obwohl dort Integration Gesetz gewor­den ist. Zum natürlichen Umfeld zählen Fami­lie, Nach­barn, die Straße. Auch der Umgang mit älte­ren Men­schen zeigt, wie wir mit den Rändern unse­rer Gesell­schaft um­gehen – auch sie werden von ih­rem natürli­chen Umfeld abgespal­ten: Ab ins Alten­heim, Seniorenki­tas oder Alten­gruppen! Da werden sie dann auch wieder „bespaßt“, d.h. aktiviert. Wie seinerzeit im Kindergarten. Doch jetzt ohne Per­spektive. Ist dann nicht auch die Ar­beit von Pflege­kräften eine Arbeit ohne echte Perspekti­ve?

Es ist mehr als bekannt, dass Arbeit Sinn machen muss; alte Menschen nur zu versorgen macht aber we­nig Sinn. Auch alten Menschen steht eine gesellschaftli­che Perspektive zu. Und nicht nur ein angenehmes War­ten auf den Tod. Es ist be­ängstigend, was unsere aufge­klärte Gesell­schaft für nor­mal hält: Das gesell­schaftliche Leben be­ginnt im Kinder­garten und en­det im Alten­heim!

Solange das Beste zu wollen, derart unbewusst ange­gangen wird, können wir auch nicht das Beste aus der nächsten Generation hervorlocken. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen kann dabei helfen, ein dif­ferenziertes, ganzheitliches Bewusstsein zu ent­wickeln.

Noch etwas ist wichtig: Kinder sind von der Liebe ih­rer Eltern so abhängig, dass Loyalität und Identifi­kation bei vielen bis ins Erwachsenenalter hineinrei­chen. Man wagt es nicht, eine gesunde Distanz zu entwickeln. Der maßregelnde Blick, der Kinder zu­rück zum Gehorsam führen soll, wirkt leider nach­haltig. Und kehrt sich spä­ter um. Natürlich kann man ein Haus nicht durch alle Türen gleichzeitig betreten. Mein Anliegen ist es, vor al­lem Zu­sammenhänge auf­zuzeigen, die zum Weiterden­ken füh­ren.

Wie konnte das alles passieren?

Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Erziehungsbü­cher von Dr. Schreber so populär, dass sie in 40 Spra­chen übersetzt wurden. Darin wurde von ihm betont, so früh wie möglich (schon ab dem 5. Le­bensmonat) mit der Er­ziehung zu beginnen, um das Kind von „schädli­chem Un­kraut“ zu befreien.

Dazu ein Zitat von Dr. Schreber (1858):

Als die ersten Proben, an denen sich die geistig-erzieher­ischen Grundsätze bewähren sollen, sind durch grund­loses Schreien und Weinen sich kundtu­enden Lau­nen zu be­trachten…. Hat man sich über­zeugt, dass kein richtiges Bedürfnis, kein lästi­ger oder schmerzhafter Zustand, kein Kranksein vorhan­den ist, so kann man si­cher sein, dass das Schreien eben nur der Ausdruck ei­ner Laune, einer Grille, das erste Auftauchen des Eigen­sinns ist. Man darf sich jetzt nicht mehr wie anfangs aus­schließlich abwar­tend dabei verhalten, sondern muss schon in etwas positi­verer Weise entgegentreten: durch schnelle Ablen­kung der Auf­merksamkeit, ernste Worte, dro­hende Gebär­den, Klop­fen ans Bett…, oder wenn alles nichts hilft – durch natür­lich entsprechend milde, aber in kleinen Pau­sen bis zur Be­ruhigung oder zum Einschlafen des Kindes be­harrlich wie­derholte kör­perlich fühlbare Ermahnun­gen… Eine sol­che Prozed­ur ist nur ein – oder höchstens zweimal nö­tig, und – man ist Herr des Kindes für immer. Von nun an ge­nügt ein Blick, ein Wort, eine einzige dro­hende Ge­bärde, um das Kind zu regieren.“

Das ist erst ca. 150 Jahre her. Es ist sehr unwahrschein­lich, dass diese sogenannte schwarze Pädagogik bereits überwunden sei. Die Zeitspanne ist einfach zu kurz, um derart tief verankerte, destruktive Ideale ins Bewusst­sein zu bringen. Das benötigt mehrere Generationen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Eltern ihre Kin­der lieben oder wenigstens lieben wollen. Auch die, denen wir unterstellen, es nicht zu tun. Ausnah­men bestätigen natürlich die Regel. Wenn wir jun­gen El­tern dabei hel­fen, könnten es noch viel mehr. Meiner Beobachtung und Er­fahrung nach, wird sich viel zu viel in das Famili­enleben eingemischt, an­statt ein­fach mal nur zu unter­stützen oder ihnen et­was abzu­nehmen. Es reden auch zu viele „Spezialis­ten“ dazwi­schen und stören damit un­unterbrochen den zer­brechlichen Kennenlernprozess zwischen Eltern und Kindern.

Zunächst gehen Eltern ein Bündnis ein, um in ih­rer Mitte die Voraussetzung für ein Auf­wachsen ih­rer Kin­der zu schaffen. Eltern hätten es also mehr als verdient, von allen Seiten Verständnis und Unter­stützung zu be­kommen. Dazu gehört auch, sie in ih­rer individuellen Wahr­nehmung, ihren Gefühlen und ih­ren Zielen zu stär­ken. Es erscheint mir als eine Form der Nächstenliebe und Hilfs­bereitschaft, ih­nen im Konfliktfall zur Seite zu ste­hen, wenn sie an­geheizt durch ihre Kin­der, in die Tur­bulenzen ih­rer Familienverstrickun­gen geraten. In vielen Fäl­len kann ein klärendes Ge­spräch mit Freun­den oder auch eine rechtzeitige fachgerechte Beglei­tung, ganz leicht aus dem Dilem­ma heraushelfen.

Es gibt nichts Gu­tes, außer man tut es.“

Erich Kästner

Die Geburt eines Kindes ist mit dem Beginn einer stür­mischen Liebesbeziehung vergleichbar. Dieser beispiel­lose Zustand ist zunächst immer mit großen Hoff­nungen an die Zukunft verbunden. Wie wir mehr oder weniger alle aus ei­gener Er­fahrung wissen, ist der Beginn einer Liebe be­gleitet von der Lust, mit diesem Menschen viel Zeit zu verbringen, ständig in seiner Nähe sein zu wol­len, ihn so intensiv wie möglich kennenzuler­nen.

In dem, meiner Meinung nach, nur von Ignoran­ten be­lächeltem Blick durch die rosarote Brille, kann man sich so recht von Herzen an den Eigenar­ten eines ge­liebten Menschen erfreuen, ohne sich oder ihn in Frage stellen zu müssen. Im Gegenteil, sie werden als Berei­cherung emp­funden. Es entwickelt sich eine in­nige Freude zwi­schen zwei verliebten Menschen, die sich ge­rade gefun­den haben. Jeder, der einmal richtig verliebt war, weiß aus eigener Erfahrung, wie beratungsresis­tent man in diesem Zustand ist. Niemand kann einem diesen Men­schen ausreden. Und das ist auch gut so!

Ein Kind ist kein Gefäß, das gefüllt,

sondern ein Feuer, das entzündet werden will.“

Francois Rabelais, um 1494 – 1553

Die Entwicklung einer Liebesbeziehung mit dem eige­nen Kind, das einem ja als unbekanntes Ge­schöpf in die Wiege fällt, unterscheidet sich über­haupt nicht davon. Deshalb vertrete ich den Stand­punkt, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung ih­rer Seelen in erster Linie einen harmonischen Be­zug zu ihrer Familie brauchen. Sie brauchen vorran­gig die Freundschaft und die Liebe ih­rer Umgebung. Welch eine Chance für eine Gesell­schaft, wenn sie es denn so se­hen will!

6. Kinder brauchen Antworten

Ihr seid der Bogen, von denen eure Kinder

als lebende Pfeile ausgeschickt werden.“

Khalil Gibran

Erste Tatsa­che: Kinder stellen Fragen. Damals wie heu­te, fragen Kindern ihren Eltern „ein Loch in den Bauch„. Damals wie heute, fragen Schulkinder wann und wo sie im späteren Leben das in der Schule er­worbene Wissen anwenden können. Damals wie heu­te fallen die Antwor­ten eher kläglich aus.

Wer erklärt mir die Welt?

Wer zeigt mir die Welt?

Wer beantwortet meine Fragen?

Was lässt mich unüberlegte Gedanken haben?

Wer zeigt mir, wie man lernt, denkt und fühlt?

Wer zeigt mir, wie man aus Fehlern lernt?

Wer bewundert meine Neugierde?

Wer hat genug Geduld mit mir?

Wer freut sich über meine eigenen Versuche?

Wer freut sich mit mir?

Wer nimmt sich Zeit, mir alles zu zeigen?

Wer ist begeistert, weil ich alles können will?

Wer tobt mit mir? Wem bin ich wichtig?

Was lässt mich Fehler machen?

Wer hilft mir, besser zu werden?

Warum soll ich eigentlich erwachsen werden?

Kinder fragen stellen echte Fragen aus einem ech­ten In­teresse heraus. Allerdings oft zu scheinbar unpassen­der Zeit. Damit stören sie den geregelten Ablauf. Sehr oft jedenfalls. Dabei sind Kinder von Natur aus echt an al­lem in­teressiert. Das Gute für uns: Fra­gen bringen Be­wegung in das Ge­hirn (Gerald Hüther, Bedienungsanlei­tung für ein menschliches Gehirn). Sie räu­men in den Ge­danken auf und su­chen nach der besten Ant­wort. Das stellt zwar festgefügte Grundsätze in Frage, aber nicht die Person.

Die Fragen Er­wachsener dagegen haben oft eindrin­genden Cha­rakter oder sie stellen Kontrollfra­gen, die über­führen oder blamieren (manchmal auch sollen). Aber überführte und bla­mierte Kinder füh­len sich dumm, am falschen Platz, ziehen sich zurück oder be­ginnen zu lügen. „Lernen? Wozu denn?“ So­lange Schu­le für Auslese zu sorgen hat, gehören Kon­trollfragen lei­der zum Alltag. Es ist sehr zu bedau­ern, dass auch Eltern die­se kon­trollierende Kommu­nikation übernehmen und für richtig halten. Das wundert mich nicht wirklich, denn wir wur­den alle von dem gleichen System Schule „gebil­det“.

Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann,

ist das Erstaunen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Kinder brauchen Antworten auf ihr Verhalten, die be­stärken und Sicherheit gebe. Wer Kinder genau beob­achtet, wird erkennen, wie sehr sie be­strebt sind, ihr ei­genes Verhalten immer wieder zu korri­gieren und sich bestmöglich anzupassen. Das sichert ihnen Zugehörig­keit. Erst wenn Anerken­nung oder Bestätigung ausblei­ben und Forde­rungen als Postu­late aufgestellt wer­den, scheren sie aus. Kinder und Jugendliche wollen ernst ge­nommen und beachtet werden.

Kinder brauchen Beachtung

Auch hier hilft zum besseren Verständnis das Wis­sen um die zwei Grundmotive von Kindern: Sie wol­len von anderen lernen und sie wollen dazu gehö­ren. Und dafür tun sie alles. Wird Verhalten durch Anerken­nung, Lob oder Zustim­mung beant­wortet wird, lernen sie sich sel­ber ken­nen und einzuschätzen. Wird unerwünschtes Verhal­ten ignoriert und nicht geta­delt, wird es uninter­essant und hört auf. Wird er­wünschtes Verhalten ein­gefordert und begründet, wird es sich etablieren.

Unter einer Voraussetzung: Wenn Eltern unter­scheiden lernen, bei wem das Problem in einem Streit oder ei­nem Interessenkonflikt liegt. Gerade bei Schulkindern spielt die Schule inner­halb der Familie als Problemfaktor eine große Rolle. Je differen­zierter und transparenter ei­gene Verhaltens- und Reakti­onsweisen sind, desto leich­ter und nachhalti­ger lassen sich Konflikte für alle Beteilig­ten lösen. Ein bisschen Kommuni­kationswissen inner­halb ei­ner Familie kann daher sehr hilfreich sein.

Ein Beispiel:

Ein Elternpaar wünscht, dass das Kind ins Bett geht.

Es will aber nicht, weil es schöner ist, noch zu spielen oder mit den Eltern zusammen zu sein. Die Eltern haben sich aber auf den gemeinsamen Feier­abend gefreut und möch­ten ihn genießen. Dann wol­len die Eltern etwas vom Kind, also muss das Kind als Verbündeter gewon­nen wer­den. Wenn die­ser Si­tuation mit Zwang und Schimpfen be­gegnet wird, wird meis­tens das Gegenteil er­reicht. Das Kind gerät in eine unange­messene Macht­position, die es lernt für sich zu nutzen. An­ders sieht es aus, wenn das Kind ins Bett soll, um am nächs­ten Morgen fit für die Schule zu sein. Dann läge das Interesse beim Kind, um nächsten Morgen leich­ter aufzu­stehen, wie­der gern in die Schule zu gehen. Wenn es ver­schläft, käme es schließlich noch zu spät, was nie ange­nehm ist. Hier liegt das Interes­se eindeutig beim Kind, was zu ei­ner anderen Argu­mentation führt.

Da aber Eltern gezwungen sind, für den regelmä­ßigen Schulbesuch zu sorgen, geraten sie in einen Interessens­konflikt; sie haben auch im Interesse der Schule für aus­reichend Schlaf zu sorgen. Der schein­bar klare An­spruch, das Kind möge jetzt ins Bett ge­hen, hat unter­schiedliche Ebenen, die auch unter­schiedlich angegan­gen werden müssen, wenn Eltern ihren Einfluss behal­ten wollen.

Dieses Beispiel zeigt wunderbar, wie viel Zeit und Ge­duld Eltern abverlangt wird. Sie können diese Auf­gabe nur mit Unterstützung der Gesellschaft leisten. Und das nicht nur in finanziel­ler Hinsicht. Wir brauchten eine neue würdige Haltung dem Leben gegenüber, denn bei aller Freu­de über eigene Kinder und eine schö­ne Fami­lie, er­füllen Eltern eine Aufga­be für Gemeinschaft und Gesell­schaft.

Die Aufgaben sind ja nicht auf Familien be­schränkt, denn Kin­der sind nun mal keine Maschi­nen, die man per Knopfdruck am Laufen halten kann. Kinder brau­chen reife, disziplinierte und über­legte Menschen in ihrer Um­gebung. Wir kommen um die Aufgabe nicht her­um, Kin­dern zu zeigen, wie sie mit Konflikten (inne­ren und äu­ßeren) umgehen kön­nen. Statt dessen wer­den jede Menge über­flüssiger Konflikte erzeugt, die auf mangeln­des Wis­sen und Ignoranz zurückzuführen sind. Meis­tens sind es Interes­senskonflikte, die das gan­ze Leben im­mer wieder auftreten und für einen gewissen Lebens­frieden gelöst werden müssen. Früher nannte man das Le­bensschule.

Konflikte sind zum Lösen da

Aus eigener Erfahrung wissen wir doch, dass sich ent­spannte Eltern viel weniger durch Fehlver­halten von Kin­dern bedroht fühlen. Das gilt auch für Lehrkräfte. Eine Be­drohung ist immer eine Stresssi­tuation, die irra­tionales Kampf- oder Fluchtverhal­ten auslöst. Damit be­kräftige ich meine Forderung, Eltern in ihrer Aufga­be nach Kräf­ten zu unterstüt­zen, anstatt zu kriti­sieren oder zu bevor­munden. Für ihre wertvolle Ar­beit müss­ten sie eigent­lich auf Hän­den getragen wer­den.

Kinder suchen durch auffälliges Verhalten, egal ob un­gezogen oder böse oder besonders lieb, nach ei­ner Si­cherheit gebenden Antwort. Es ist für sie wich­tig zu wis­sen, auf wessen Seite und wo ihre Eltern ei­gentlich ste­hen. Sind sie auf ihrer Seite, verschwin­det die Angst.

Ver­treten Eltern dagegen einseitig die Seite anerkann­ter Autoritäten, „erben“ Kinder und Jugendliche diese Autoritätshörigkeit. Das kann sich als Aufbe­gehren oder als Unterwerfung zeigen.

Die große Frage der Kinder lautet: „Steht meine

Familie uneingeschränkt zu mir, unabhängig da­von,

wie ich mich fühle oder verhalte?“

Leider bedienen sich Eltern und Erziehungsbe­rechtigte immer noch einer üblen, über Jahrhunder­te eingeüb­ten, todsicheren Unterwer­fungsmethode: Dem Liebesent­zug. Diese Methode ist sehr wirksam und einfach anzu­wenden. Wer von uns weiß nicht, wie weh Liebesent­zug tut?!

Auf Liebesentzug reagiert Jeder, wirklich Jeder, außer­ordentlich empfindlich. Er entzieht Wärme und Zugehö­rigkeit, und zwar sofort und so lan­ge, bis man sich ge­fügt hat. Ich halte das für eine Manipulations­technik übelster Art, da sie auch für das Erwachse­nenleben ver­heerenden Folgen hat.

Durch Liebesentzug werden Menschen in ihrem In­nersten infrage gestellt, von ihren Zielen und persönli­chen Wer­ten abgebracht und von ständiger Ver­lustangst getrie­ben. Vor lauter Angst tun sie dann, was man von ih­nen will. Leider ist es so, dass Angst als Motivation Ab­hängigkeit und falsche Nachgiebig­keit fördert.

Es gibt auf der ganzen Welt nur eine einzige

Methode, um andere Menschen positiv zu beein­flussen: Mit ih­nen über das zu sprechen, was sie ha­ben möchten und ih­nen zu zeigen, wie sie es bekom­men können.“

Dale Carnegie

Wird Liebe durch Angst ersetzt, wird Angst weiterge­geben und damit auch die Tendenz zur Unterwer­fung oder zum Rebellentum. In beiden Fällen bleibt je­mand fremdbestimmt. Wird Angst aber gegen Lie­be einge­tauscht, kann Vertrauen in die eigenen Kräf­te wach­sen, das ein Leben lang anhält.

Gesellschaftlich gesehen sind wir alle Eltern. Des­halb stelle ich die große Frage in den Raum, die uns Eltern insgesamt gilt: Wie können wir unse­ren Kin­dern, gerade auch im Konflikt, unsere Liebe und An­erkennung spü­ren lassen? Die noch größere Frage wäre aber, wie wir unse­ren Nachwuchs in die große Gemeinschaft von An­erkennung, Wertschätz­ung und Liebe aufnehmen, damit sich die Generationen in ih­rer Weiterentwick­lung nicht weiterhin aus­bremsen.

Ich behaupte mal, dass kein Ziel zu hoch sein kann, wenn es um persönliche Entwicklung geht. Bis jetzt ging wirtschaftliches Wachs­tum über alles, sogar auf Kosten der persönlichen Entwicklung. Diesbe­züglich sind wir an unsere Grenzen gestoßen und kommen nicht umhin, dem persönlichen und geisti­gem Wachstum die volle Aufmerksamkeit zu schen­ken.

Persönliches Wachstum ist die neue Währung

„Wer aufwacht, muss gehen“ habe ich von einem mei­ner Leh­rer gelernt. Wer den Fehler erkennt, muss auch handeln, darf die Augen nicht länger verschließen. Es ist dem Menschsein eigen, sich auf al­len Ebenen seines Seins weiter entwickeln zu wollen. Er will aus gutem Grund, dass seine Persönlichkeit un­versehrt bleibt und braucht dafür ein gute Gefühl für sich sel­ber. Immer, wenn jemand etwas er­reicht oder ge­schafft hat, spürt er sich und seine eignen Be­deutung am ganzen Leibe. Dar­aus kann er die Kraft schöpfen, immer wieder von vorn anzufangen und durch­zuhalten. Seine wahren Möglich­keiten über lan­ge Zeit ungenutzt zu lassen, ist frustrie­rend und hat die Tendenz, Selbsthass zu erzeu­gen.

Ein waches Bewusstsein hilft, sich verbesserte Chan­cen und neue Möglichkeiten auch mit Leib und Seele vorzustellen. Selbst erstarrte Glaubens­systeme lassen sich lockern, wenn wir den Weg zu unserem Unterbe­wusstsein finden. Ein Hemisphären-Aus­gleich, wie sie die Methoden Angewandten Kinesio­logie ermög­lichen, fördert die Entwicklung neuer Strategi­en und Lö­sungen und eine zeitgemä­ße Den­kungsart.

Wäre es nicht schön, wenn wir endlich aufhö­ren könn­ten, unverbesserliche Ignoranten zu sein. Wir be­kämen eine reelle Chance, in der Gegenwart anzu­kommen.

Kind – eine Art Lebensversicherung – die einzige Art

der Unsterblichkeit, derer wir sicher sein können.“
Peter Ustinov

Unsere gesellschaftliche mentale Krise ist hausge­macht und hängt mit allen anderen persönlichen oder globalen Krisen zusammen. Wir haben gelernt, uns auf Probleme, Ängste und Befürchtungen und alte Erfahrun­gen zu fi­xieren. Wir trauen uns ja kaum noch über den Teller­rand zu blicken, aus Angst eventuell ins Boden­lose zu fallen.

Kinder brauchen aber Antworten, die die Gegen­wart erklären und Sicherheit für die Zukunft geben. Nicht nur Kin­der, auch Erwachsene, ja, auch alte Menschen, wol­len ihren Blick in die Zukunft richten. Welche Antworten schulden wir uns eigentlich? Wir wollen doch lebenstaugli­che Menschen in die Welt ent­lassen … oder?

7. Kinder brauchen Vorbilder

Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude ge­richtet sein; denn so wie ER den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt ER auch den Bogen, der fest ist.“

Khalil Gibran

Zweite Tatsache: Da Kinder durch Nachah­mung ler­nen, leben sie die Emotionen ihrer Eltern aus. Ent­weder in direkter Kopie oder sie provozieren die verleug­neten Emotionen durch ihr Verhalten. In ih­nen werden unsere versteckten Wahrheiten und Verleugnungen sichtbar. Aber auch unsere Hoffnun­gen, unsere Gefühle, unsere Freude und Zuver­sicht spiegeln sich in ihnen wider.

Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen

Wider­streit auf ein Grundgefühl zurückführen und mit einem ein­zigen Namen be­zeichnen sollte, so wüsste ich kein an­deres Wort als Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit,

was ich in allen jenen Stunden des ge­störten Kinderglücks empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Re­gungen meiner Seele, die ich als verboten

und verbreche­risch empfand.“

Hermann Hesse

Wenn das kindliche Grundgefühl Hermann Hesses Angst war, so haben seine Eltern auf ihn offen­bar mit heftiger Angst reagiert. Wenn wir Angst vor den aggres­siven Seiten unserer Kinder haben und sie durch Verbo­te oder unrealistischen Forderungen bekämp­fen, wer­den sie ihre Provokation verstärken. Das ge­schieht na­türlich unbewusst, denn wenn sie uns mit ihrem Verhal­ten nicht erreichen, weil wir nicht ehr­lich reagie­ren, werden sie auf­fällig oder suchen sich an­dere Vorbilder.

Ich möchte Sie darum bitten, sich den Konsum von Horrorfil­men, Videospielen und hohen TV-Kon­sum ein­mal einen Augenblick lang als ein seelisches Ventil vor­zustellen und Ihre eige­ne Angst mal nicht so wichtig zu neh­men. Dann bekämen Sie beim An­blick dieser Bilder even­tuell Ant­worten auf die inne­re Zerrissenheit von Ju­gendlichen. Sie könnten auf diese Weise ein Gespür ent­wickeln, welche Nöte zu ihrem Alltag gehören. Viel­leicht könnten Sie dann sogar ihre eigene Erleichterung wahr­nehmen, weil es auf einmal Bilder für verbotene Gefüh­le und verleugnete Ängste gibt.

Das Hauptproblem sind verleug­nete Ängste

Kinder und Jugendliche brauchen Gesprächspart­ner, die ihnen interessiert zuhören und sich nicht gleich in ihren Befürchtungen verlieren. Kinder und Jugendliche fühlen sich abgelehnt, wenn wir ihre In­teressen ableh­nen. Um es noch mal zu betonen: Die ach so verteufelten modernen Medi­en und sozialen Netzwerke können nicht die Ursa­che für Fehlentwicklung sein, wie sie ih­nen zugeschrieben wird. Die Ursache liegt im Fehlen von Resonanz auf das, was Kinder und Jugendliche dar­an interessiert. Dadurch fehlt es ihnen wiederum an aufmerksamen An­sprechpartnern. Kinder und Jugendli­che werden viel zu viel al­lein ge­lassen und bekommen viel zu wenig echte Beachtung für ihre vielfältigen Inter­essen.

Wir müssten andere Vorbilder sein

Für eins der größten Missverständnisse halte ich, von Kindern und Jugendlichen ein anderes Verhalten zu er­warten, als von sich selbst. Das stiftet Verwir­rung, ver­breitet Unsicherheit und verhindert eine gesunde Wahr­nehmungsfähigkeit.

Versetzen Sie sich bitte mal einen kleinen Augenblick in die Lage eines aufgebrach­ten Neunjährigen, der belei­digt wurde. Sein Ehrgefühl ist verletzt. Und wenn ihm das nicht so an die Nieren ginge, könnte und würde er auch „cool“ reagieren. Aber er fühlt sich entwertet oder bedroht und reagiert auch körperlich mit Stress. Er wird geradezu von in­nen gedrängt, entwe­der abzuhauen oder draufzuhauen.

Wird Kindern nun empfohlen, dieser Situation den Rücken zuzu­kehren, wird der Stress, die innere Not nur größer. Das gleiche geschieht, wenn von die­sem Stepp­ke, der gerade sein Gesicht verloren hat, verlangt wird nur mit Worten zu reagieren – das kann er einfach nicht. Ihm fehlen einfach die Worte. Einmal ganz davon abgesehen, dass das noch nicht ein­mal das Gros der Erwach­senen hinkriegt.

Wir bleiben Wesentliches schuldig

Ebenso überfordert es die Kinder, wenn sie einer­seits in die Schule gehen (müssen) und ihre Lehrer mögen und von ihnen lernen sollen, und anderer­seits von den Eltern am Abendbrottisch über Schule und Leh­rer her­gezogen wird. Verständlich, aber schäd­lich.

Das sind nur wenige Beispiele für die vielen Überforde­rungen, durch welche aggressives oder resi­gniertes Ver­halten befeuert wird. Dass Kinder Er­wachsene im Stress, im Beilegen von Konflikten oder der Bewertung von anderen Menschen in der Regel „uncool“ oder unge­recht erleben, lässt sie allmählich vereinsamen.

Kinder­erziehung durch Selbster­ziehung

Nun vertrete ich hier ganz sicher nicht den Stand­punkt, dass Schlägereien zu fördern seien. Aber so­lange noch Kriege als Mittel der Auseinan­dersetzung legiti­miert sind, brauchen Kinder Schutz und gute Vorbilder. Die­sem An­spruch gerecht zu werden, be­deutet einen täg­lich neu zu star­tenden und lohnen­den Versuch.

8. Kinder brauchen Freiheit

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als

lebende Pfeile ausgeschickt werden.“

Khalil Gibran

Dritte Tatsache: Kinder müssen sich bewegen, denn Frei­heit hat viele Quellen und ist nicht mit Zügellosig­keit oder gewissen­loser Aus­schreitung zu verwechseln. An­forderungen zu erfüllen und Autori­täten zu respek­tieren ist nicht das Gegenteil von Freiheit.

Freiheit ist ein großer Begriff, den ich hier in Be­zug auf Kinder erschließen möchte. Wir sind sicher einheit­lich der Meinung, dass Kinder Bewegungs­freiheit brau­chen. Doch was heißt das genau? Reich­lich Auslauf? Baum­hütten bauen? Die Natur erkun­den? Möglichst we­nig kontrol­liert zu werden? An­spruch auf eigene Zimmer, die sie nur nach Lust und Laune aufzuräumen brau­chen?

„Motion breeds Emotion“. Sinngemäß: Bewegung bil­det Gefühle aus. Für die Entwicklung von Gefühls­reichtum ist freiheitliche Be­wegung und körperliche Selbsterpro­bung unerlässlich. Ohne Gefühlsreichtum entwickelt sich z.B. das Sprachvolumen nur mangel­haft. Da Sprache ein mächtiges In­strument der Ver­ständigung, der Kom­munikation, der Selbstdarstel­lung und Erzählkunst ist, ist sie ein wichtiger Frei­heitsaspekt.

Einfacher formu­liert, je größer die körperliche Bewe­gungsfreiheit, desto differenzierter das Gefühlsle­ben, umso reichhal­tiger und lebendiger der Sprach­schatz mit seiner Aus­druckskraft. Wird Sprache aber als Instru­ment der Beleh­rung und Maßregelung be­nutzt, wird die­ser Gefühls­reichtum nicht erschlos­sen und die Sprach­entwicklung verzögert sich. Oder sie wird ver­kürzt und folgt schwarz-weiß-Mustern.

Kinder und Uhren dürfen nicht beständig

aufgezo­gen werden, sie müssen auch gehen.“
Jean Paul 1763-1825

Leider gehören Kinder mit dem Schnuller im Mund zum alltäglichen Straßenbild. Wer das einmal bewuss­ten Auges beobachtet, könnte auf die Idee kommen, dass Kin­dern kollektiv der Mund verboten wird. Schließlich ge­hört die bunte Schnullervielfalt zur Grundausstattung eines Ba­bys und Kleinkindes. Er wird häufig noch nicht einmal herausgenommen, wenn das Kind spricht. Inter­essiert sich überhaupt jemand für das, was sie sagen? Gera­de heute habe ich gelesen, dass in unserem Städt­chen mithilfe von Le­sepaten die Sprachlosig­keit über­wunden werden soll. Wenn man doch nur ein biss­chen weiter denken würde!

Immer wieder aufwallende Gefühlsbewegungen gehö­ren zum Alltag aller Menschen. Bei Kindern kommen wir allerdings schnell an unsere Grenzen. Gefühle zum Aus­druck zu bringen, ist Nährstoff für die Seele und eine Kunst, die Erfahrung braucht. Ein­mal kräftig zuzuhauen ist kein Unglück, Kinder mit ihren Emotionen allein zu lassen, dagegen schon. Of­fene Ohren für ihre Sorgen und Bedürfnisse, für ihr Weinen oder Geschrei kann ih­nen helfen, damit fer­tig zu werden. Die Erfah­rung, dass ihre Gefühle rich­tig oder angemessen sind, tragen entschei­dend zu einer stabi­len Identi­tätsbildung bei.

Kin­der brauchen die Frei­heit, sich unter liebevoller An­leitung auszuprobieren und da­bei ihre Ge­fühle ken­nen zu ler­nen. Für die Ent­wicklung einer selbstsicheren, lernfähigen und verant­wortungsvollen Persönlichkeit ist das eine Vorausset­zung.

Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Ta­ten.“

Johann Wolfgang von Goethe

Wird ihnen die Freiheit von Gefühls­bewegungen abge­wöhnt, bahnen sie sich auf archaische, oft selbstzerstö­rerische Weise ihren Weg. Meist ein Le­ben lang. Wut­ausbrüche sind beispielsweise der Aus­druck für lange ver­leugnete oder unterdrückte Gefühle. Der Drang, et­was zu zerstören, löst unerträg­lich gewordene innere Span­nungen.

Verletzte Gefüh­le entstehen durch man­gelnde Rück­sichtnahme und beeinträchtigen eine ge­sunde Abgren­zungsfähigkeit gegenüber emotionalen Übergrif­fen. Wird eine Op­ferhaltung entwickelt, äußert sich das als in­direktes Betteln um Rücksichtnahme und Scho­nung.

Spontanes Handeln ist ein hohes Gut

Wie in so vielen Fällen, spielen auch hier Vorbilder eine entscheidende Rolle. Wer keine Angst vor sei­nen eige­nen (negativen) Gefühlen hat, kann ein gu­ter Lehrmeis­ter sein. Unsere Kultur hat eine allge­meine Angst vor Ge­fühlen hervorgebracht. Vor nega­tiven Gefühlen ganz be­sonders. Aber Gefühle suchen sich ihren Weg über Wut und Aggression, über kör­perliche Beschwer­den und Vermeidungen. So hätten beispielsweise unerklärli­che Rücken­schmerzen nicht diese Macht, wenn wir rechtzeitig auf unsere Gefühle und Bedürf­nisse hören würden.

Kinder erstaunen uns immer wieder mit ihrem nim­mermüden Bewegungsdrang. Wenn uns das zu viel wird, beginnen wir Grenzen zu setzen. Spielt da etwa Angst vor Kontrollverlust eine Rolle? Aber die Grenzen, die wir Kindern setzen, schützen uns nicht zwangsläufig vor ih­rem Übermut oder ihren Entglei­sungen. Ja, sie schützen noch nicht einmal uns sel­ber. Erst wenn wir wissen, wie wir uns fühlen, wie uns zumute ist, finden wir die richti­gen Worte. Es braucht eine gewisse Sensi­bilität, seine echten Sor­gen und Bedrängnisse wahrzu­nehmen. Wenn wir sie wieder spü­ren, finden wir auch die richtigen Worte, um sie ohne Vorwürfe zum Aus­druck bringen und daran etwas zu ändern.

Wenn Er­wachsene ihre eigenen Gren­zen kennen, an­statt sich nur abzugrenzen, fällt es ihnen wesentlich leichter, Kindern und Jugendlichen Achtung und Re­spekt beibringen. Es sollte uns ein An­liegen sein, ihnen ein gesundes Freiheitsgefühl mit auf den Weg zu ge­ben, anstatt ihnen blinden Gehor­sam ge­genüber Regeln und Verboten einzutrichtern.

Bewegungsfrei­heit fördert Willensfreiheit

Wer sich von A nach B bewegen will, braucht zu­erst eine Entscheidung und dann den Willen, diese Entschei­dung umzusetzen. Gutwillige, ohne die Kraft zur Tat, gibt es leider zur Genüge. Der Umgang mit dem freien Willen wird uns nicht in die Wiege gelegt. Das braucht Übung.

Ein ausge­prägter ei­gener Wille ist nicht mit Trotz zu verwechseln, sondern die Voraussetzung für ein tüchti­ges und ziel­strebiges Leben. Ohne ausreichende Mög­lichkeit ihn zu erpro­ben, wird Folgsamkeit ge­schult. Bei­des, Zügellosigkeit und Rücksichtslosig­keit, sind Folge­erscheinung eines schwachen Wil­lens.

Freier Wille braucht Übung

Für eine gesunde Willensbildung brauchen Kinder aus­reichend Freiheit, sich unter kluger Führung und ohne Angst vor Strafe auszupro­bieren. Dadurch ler­nen sie auch, die Wir­kung ihres Handelns abzuschät­zen und zu steuern. Das bringt uns in die Klemme, denn Kinder auf diesem Weg zu be­gleiten, braucht Zeit, die wir letztend­lich nicht haben. Diesen Wider­spruch aufzulösen ist eine Aufgabe, die viel Fantasie erfordert und nicht dele­giert werden kann.

Unter Naturvölkern war und ist es eine Selbstver­ständlichkeit, den Nachwuchs in der Obhut der Gemein­schaft Schritt für Schritt mit den dazugehören­den Ritua­len vertraut zu machen und in ein verant­wortungsvolles Erwachsenenleben einzufüh­ren. Schließlich soll die nächste Generation ebenfalls für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen und in der Lage sein, Kinder groß zu ziehen. Vor diesem Hinter­grund ist es eine Selbstver­ständlichkeit, dass die ältere Generation mit ihrer Le­benserfahrung ak­tiv betei­ligt ist.

Die Reue über schlechte Anwendung des verflossenen Lebens führt Menschen nicht immer dazu, die Zeit, die ihnen noch zu leben vergönnt ist, besser zu nutzen.“

Jean de la Bruyere

Nur wir scheinen es uns leisten zu können, auf die Er­fahrung und Unterstützung älterer Menschen ver­zichten zu können. Was machen unsere Ol­dies statt­dessen? Sie mä­keln auch weiterhin an ihren längst er­wachsenen Kin­dern mit eigenen Familien herum und nehmen ihnen damit die Selbstachtung. Oder sie spie­len die Hilflo­sen, betteln um Aufmerksamkeit wie kleine Kinder, ob­wohl stolz sein könnten auf ihre Le­bensleistung. Die ganz Cle­veren haben sich abge­setzt. Über­wintern ir­gendwo in der Wärme, schrei­ben Doktorar­beiten oder vergnü­gen sich auf irgend­eine andere Weise. In den Hörsäl­en ge­ben sie sich oft als die Neunmalklu­gen und stö­ren mit langen Monologen. Gemeinschaftlich betrachtet läuft hier eine ganze Menge erheblich schief.

Die gegenwärtigen Probleme unseres Zusammenle­bens und das erfolglose Herumdoktern an Lösungen ist ein Zei­chen unserer Zeit. Wer er­wachsen ist, kann Situa­tionen beurteilen und Schlüs­se daraus zie­hen. Wer er­wachsen ist, hat auch den Mut zum Handeln. Es ist ein Naturge­setz, die Verantwortung für sich und andere zu über­nehmen, um sich zu einem selbstbe­stimmten Men­schen zu entwickeln und mit Freiheit umzugehen.

Aber Ju­gendwahn und Körper­kult haben dazu geführt, dass wir die Generations­grenze nicht mehr einhalten. Jung zu blei­ben ist Kult und die eigenen Kinder als Freunde zu be­zeichnen, modern. Die ältere Generation nicht ernst zu neh­men oder sinnlos zu schonen, anstatt sie als Vor­bilder zu achten, ist Zeitgeist. Vermische klare Farben und das Ergebnis wird trüb. Ha­ben wir denn über­haupt noch eine Freiheit zu verteidi­gen? Oder ver­teidigen wir ledig­lich unseren Status und die Pfrün­de?

Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit

zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“

Benjamin Franklin

Ich bin nicht sicher, ob wir uns das immer ausrei­chend bewusst machen; wir können nur so viel Frei­heit ge­währen, wie wir uns selber innerlich frei füh­len. So ge­sehen gibt es keinen klareren Spiegel als den, den uns unsere Kinder und Jugendliche vorhalten. Wenn wir Angst vor diesem Spie­gelbild haben, fin­den wir uns in einer schrumpfenden Ge­sellschaft wieder. Kinder allerd­ings lassen sich nicht so ohne Weiteres schrump­fen, sondern sie fangen an zu re­bellieren, sich schlecht zu be­nehmen oder ihre eige­nen Gesetze zu machen. Die Raffi­nierten begin­nen das System für sich zu nutzen und wer­den eben­falls nicht erwachsen. Erst später folgen Resignati­on, Wut und Depression.

Mehr Denkfreiheit für Kinder und Jugendliche

Kinder brauchen eine intelligente Schulung in Denk­freiheit für die Entwick­lung eines wachen und aktiven Willens. Davon bin ich überzeugt. Mit einge­schränktem Denken und einem eingebläuten Hang zum Gehorsam, lässt sich wunderbar funk­tionieren. Dabei kann Eigen­wille sehr stören. Vielleicht ist Denkfrei­heit die gefähr­lichste Freiheit, weil Ge­danken ein un­sichtbares Leben führen. Erst an den ge­sprochenen Worten oder an den Handlungen kann man etwas er­kennen oder erahnen. Bei unterentwi­ckeltem Verant­wortungsgefühl wird ab­gestritten oder Schuld auf ande­re gescho­ben, weil der Wille zur Selbstkorrektur fehlt.

Es ist nun einmal so, dass man die Gedanken, die in Kopf und Herz verbor­gen sind, überall mit hin nimmt. Kein noch so autoritär­er Staat könnte sie verfolgen oder sich ihrer bemächti­gen. Die Freiheit und Lebendig­keit eines Volkes kann man deshalb an der Frei­heit des Den­kens er­kennen. Und die wiederum lässt sich an der Ent­wicklung der Kin­der ablesen.

Was hinter der modernen Unruhe sich

herausbildet und heranwächst, ist nichts Geringe­res

als eine organische Krise der Evolution.“

Pierre Teilhard de Chardin

Ich bezweifle, dass ein Volk mit gesetzlicher Schul­pflicht, starren Lehrplänen und beamteten Lehrern, dem Bewe­gungs- und Freiheitsdrang von Kindern auch nur halbwegs ge­recht werden kann. Die­ses kontrollierte System funktio­niert hauptsächlich über Ängste und Drohungen: Angst vor Noten, davor, zu spät zu kom­men, oder nicht zu den Besten zu gehören und sitzen zu blei­ben.

Angst braucht Kontroll­e, die die Denkfreiheit automa­tisch eingeschränkt. Das wird zum Selbstgänger, denn auch der­jenige, der Angst hat, muss kontrollieren, näm­lich seine Angst. Das macht ihn natürlich manipulierbar. Ein ziemlicher Teufelskreis. Denk­freiheit führt zu Mei­nungsfreiheit, deshalb braucht es eine Menge Mut, die­sen Teufelskreis zu durchbre­chen. Tagtäg­lich erleben wir, wie uner­wünscht das ist.

Denkfreiheit müsste Kult werden

Die gesetzliche Schulpflicht macht Eltern abhän­gig von einem System, das auf den Lebensweg von Kindern und Jugendlichen einen entscheidenden Einfluss nimmt. Im Alltagstrott geht dafür sehr schnell der Blick verlo­ren. Lehrer sind in Deutschland durch ihr Beamten­tum eben­falls Gefan­gene des Systems. Man kann es ihnen noch nicht einmal ver­denken, dass sie seine Vorteile für sich nutzen.

Die Schüler wiederum sind durch die ständige Bewert­ung durch Noten, Maßrege­lungen oder Kritik so zu­rechtgestutzt, dass sie das Fliegen gar nicht erst ler­nen. Sie kön­nen entweder mitlaufen oder hinter­herhinken. Es ist be­zeichnend, dass mir vor kurzem eine erfah­rene Grund­schulleiterin sagte, sie wünscht sich die Abschaf­fung von Noten und Haus­aufgaben.

Meinungsbildung braucht Übungsfelder

Eine Binsen­weisheit, würde man meinen. Warum wer­den sie Jugendlichen nicht ge­währt? Übung braucht Zeit. Als Grundlage dienen Erfor­schungen, Bewegungsfrei­heit und Freiräume für Erkun­dungen und die Möglich­keit, Fehler zu ma­chen. Ohne Beweg­ungsfreiheit und sinnliche Erfah­rungen gibt es keine emotionale Sicher­heit und kei­ne differenzierte Sprache.

Wie wir wissen, steckt hinter jedem Gedanken ein Ge­fühl, sodass Gedankenfreiheit unmittelbar etwas mit Er­lebnisfreiheit zu tun hat. Um zu verhindern, dass Wil­lensfreiheit in Willkür oder Rücksichtslosig­keit ausartet, ist eine ausgebildete Sprache vonnö­ten. Sie ist die Vor­aussetzung, um eigene Bedürfnis­se auszudrücken und gut zuhören zu können. Auch das muss geübt und trai­niert werden.

Es ist das Schicksal jeder Generation, in einer Welt unter Be­dingungen leben zu müssen, die sie nicht geschaffen hat.

John F. Kennedy

Deshalb ist es für ein selbstbestimmtes Leben grundle­gend wichtig, seinen Willen zu formulieren und die eige­nen Absichten zu begründen. In doppel­ter Hinsicht: Wir müssen sie vor möglichen Kritikern vertreten oder Ver­bündete für uns gewinnen. Ohne ver­bale und geistige Reife hat man es schwerer.

Bei all dem dür­fen wir natürlich nicht vergessen, der nachfolgenden Generation Mit­gefühl und Trauer beizu­bringen – einschließlich der Kunst, diese auch auszu­drücken. Sonst züchten wir kleine Zom­bies heran. Alles das und noch viel mehr liegt in unserer Verant­wortung – und dafür brauchen wir Zeit.

Wir sind von Geburt, nein, von unserer Zeugung an, so­ziale Wesen, die einander zum Überleben brauchen. Rück­sichtslosigkeit, pures Eigen­interesse und mangeln­de Ach­tung können eine Gemeinschaft auf lange Sicht zerstören. Zu­nächst im Kleinen. Dann im Großen.

9. Kinder brauchen erwachsene

El­tern

„… denn so wie ER den Pfeil liebt, der fliegt,

so liebt ER auch den Bogen, der fest ist.“

Khalil Gibran

Noch eine Tatsache: Kinder brauchen erwachsene El­tern. Franz Werfel schlussfolgerte in seinem Ro­man „Der veruntreute Himmel“, wenn es Durst gibt, muss er ein untrüglicher Beweis dafür sein, „dass es irgend­wie Was­ser gibt“.

Ich schlussfolgere entsprechend: Wenn es Kinder gibt auf dieser Welt, muss das ein untrüglicher Be­weis dafür sein, dass das Leben einen irgendwie ge­arteten Sinn hat, denn Kinder sind Leben. Sie sind die lebendige Fortset­zung des eigenen Lebens.

Wenn es also Kinder gibt, haben einen „irgendwie gear­teten“ Sinn. Wenn sich eigen­ständige, erwachsene Menschen auf die Abhän­gigkeit ein­lassen, die ihnen Kin­der über Jahre abver­langen, müssen sie einen Sinn darin sehen. Sonst würde sie al­lein schon die Ver­nunft davon abhal­ten. Wenn aber ge­genwärtig viele Akademikerin­nen auf eigene Kinder verzichten, fallen einem inter­essante Fra­gen ein.

Und Kinder haben tatsächlich einen Sinn geben­den Wert. Wir kennen ja die alten Glaubenssätze wie: Ohne Kinder ist eine Ehe keine Ehe (fragwürdig, aber tief ver­ankert); Kinder ge­hören einfach dazu; ohne Kinder stirbt ein Volk aus. Was ja auch stimmt. Aber das lässt sich kaum leugnen: Sind Kinder da, bereichern und fas­zinieren sie ihre Umgebung.

Kinder verkörpern neue Perspektiven

Welcher tiefere Sinn mag ferner die Mühen und Kosten rechtfer­tigen, die Kinder Eltern abverlangen? Unse­re Bevölkerung überaltert gerade, auch weil zu wenig Kin­der nachgeboren werden. Damit einher geht eine Über­alterung an Meinungen, Einschätzun­gen und Beweglich­keit. Bei gleichzeitiger Zunahme von Themen wie Krankheit, Verlustängsten und Ein­samkeit. Es fehlt das unverbrauchte Le­ben, es fehlen Vitalität und das Gefühl von Ewig­keit, das Kinder vermitteln. Und es fehlen Kreati­vität und Spontanei­tät für eine echte Lösung von Konflik­ten und Problemen.

Wie vor allem in Deutschland zu beobachten ist, hat die Lust auf Kinder abgenom­men. Die Mühsal ist oft nicht mehr mit einem kompli­zierten All­tag und den ei­genen Ansprüchen verein­bar. Auch nicht mit dem Druck, der von außen kommt. Kinder ste­hen ir­gendwie im Weg. Nur, auf welchem Weg denn? Was ver­bauen sie uns denn? Kinder ermöglichen mit ih­ren Ansprüchen eben auch, in die Zukunft zu schau­en. Ohne diese Zu­kunftsmusik bleibt das Leben fad.

Kinder sind Zukunft

Sollte es tatsächlich so sein, dass Kinder Sinn in unser Leben bringen und es sich manchmal nur noch für sie lohnt, durchzuhalten, dann wäre die ab­nehmende Kin­derzahl ein Zei­chen für alarmieren­den Sinnverlust.

Nehmen wir einmal an, das wäre so und leiten da­von ab, dass unsere materiell ausge­richtete Gesell­schaft, ih­ren Lebenssinn so ver­lagert hat, dass sich „Kin­der nicht mehr rechnen“. Wenn wir daran festhal­ten, geht das ei­nes Tages ganz böse ins Auge. Gar nicht auszudenken, dass sich die große Anzahl kin­derloser Alten auch nicht mehr rechnen könnten. Wer kümmert sich dann um sie? Hoffentlich haben sie genug gespart (!).

Bindung ist die stärkste Kraft im Universum.

Wir müssen die Kraft der Bindung nutzen,

um den Unreifen etwas beizubringen.“

Gorden Neufeld, Entwicklungspsychologe

Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsor­ge, Verständnis, Raum und Zeit. Man könnte doch tatsäch­lich auf die Idee kommen, dass wir uns nicht mehr zu­trauen, unseren Kindern das mit auf den Weg zu geben. Wo bleibt der kreative Raum um uns herum, wenn wir mit Tagesgeschäf­ten und Zwang zur Nabel­schau einge­deckt sind?

Kreativität schafft Raum zum Atmen

Es regieren der Termin­kalender, Zeitgeist und Schön­heitschirurgen regulieren den Reifeprozess. Eine mate­riell aus­gerichtete Gesell­schaft glaubt an Funktionen, die zu erfüllen sind und nicht an die Freude, die aus dem Herzen wächst. Er­scheint uns das Leben an sich nicht mehr sinnvoll oder können wir einfach kein Wag­nis mehr ein­gehen?

Wodurch mag denn der Sinn verloren gegangen sein? Wenn wir genau hinschauen, werden Mühen und Ab­hängigkeiten immer noch auf sich genom­men: Beruf­lich und privat. Für die Karriere genauso wie für eine durch­geplante Freizeitge­staltung. Plan­volle Mus­kelgestaltung („Bauch, Beine, Po“) und auf­gedrängte Schönheitsideale ha­ben viele Körper nichtssagend und gefühllos ge­macht. Es muss doch Gründe dafür geben, dass sich die­se Ver­schiebung von der immanenten zur materiellen Sinngebung so hartnäckig hält, wenn dafür die Leben­digkeit aufs Spiel gesetzt wird.

Die Nachteile liegen auf der Hand: Wir werden äl­ter, aber die Angst vor dem Alter wird größer. Wir sind stolz auf eine medizinische und soziale Überbe­treuung, kön­nen sie aber bald nicht mehr bezahlen. Die Betonung ei­gener Interessen und Karrierewün­sche hat die Men­schen auch nicht unabhängiger ge­macht. Im Gegenteil. Bur­nout, Mobbing und Depres­sionen sind auf dem Vor­marsch. Haben wir uns etwa verrechnet?

Der Mangel an Sinn hat viele Ursachen

Kinder brauchen erwachsene Eltern und keine, die an ihren Kindheitsmustern festhalten. Viele blei­ben lieber ihren Eltern treu und als sich selber. Ohne eine gesunde Veränderung alter Muster, bleibt alles beim Alten. Dage­gen allerdings entwickeln Kinder einen natürlichen Wi­derstand.

Kinder sind Zukunft und wollen keine Kopie unse­rer Ver­gangenheit sein. Und zu Recht wehren sie sich dage­gen. Wer ziel­gerichtet und zukunftsbezo­gen ist, strebt automa­tisch an, sich selber zu versor­gen. Versorgungs­denken ist rückbezüglich. Wenn wir Kindern beibringen wollen, für sich selber zu sorgen und Verantwortung zu übernehmen, was beinhaltet, sich auch für die Gemein­schaft verant­wortlich zu fühlen, ist es hilfreich, sich von ihnen führen zu lassen.

Kinder wollen keine Kopie sein

Doch sind auch viele Partnerschaften von ei­nem kindli­chen Allmachtsbewusstsein und Kontrollbe­dürfnis ge­prägt. Wenn man nach mehrfachem Auf­trumpfen nicht bekommt was man will, geht man wie­der. Wenn private Forderungen ins Leere laufen, wer­den sie umgelenkt und ins „soziale Netz“ ver­schoben. Die Energie bleibt die gleiche – andere sol­len sich für die unerfüllten Bedürf­nisse interessie­ren, notfalls sogar dafür aufkommen. Ich spreche hier ausdrückl­ich nicht von unverschulde­ten Not­lagen.

„Hotel Mama“ lässt in jeder Hin­sicht grü­ßen! Wer von Grund auf versorgt werden will, kann an­dere nicht ver­sorgen, kann auch keine vorsor­genden, d.h. die Zukunft mit einbeziehenden Maßnahmen treffen. Ohne Mut und Esprit läuft da allerdings gar nichts.

Menschliches Verhalten wird nicht von Bedingungen

diktiert, die der Mensch antrifft, sondern von

Entscheidungen, die er selber trifft.“

Viktor Frankl

Es ist ja nicht gänzlich falsch, andere zu versorgen und sich auch versorgen zu lassen. Erst die Vernachlässi­gung des Ausgleichs von Geben und Neh­men, erzeugt die Schieflage. Mein Appell: Holen wir uns unsere Ver­antwortlichkeiten zurück und nehmen unser Leben konse­quent in die eigenen Hände. Da­mit bringen wir uns in die Lage, Kindern echten Leis­tungswillen und Achtung, sowohl vor sich sel­ber als auch vor ih­ren Mit­menschen, beizubrin­gen. Das könnte echt Spaß machen, denn Kinder sind un­endlich kooperativ und neugierig.

Dieser Art Unabhängigkeit ist hat sehr viel Char­me. Die Hochs und Tiefs des Alltags könnten aus eige­ner Kraft gemeistert werden. Sich selber verant­wortlich fühlende Menschen folgen ihren Einsichten und Bedürfnissen – sie stehen nämlich zu den Entschei­dungen, die sie getroffen haben. Persönliche und gemeinschaftli­che Werte werden dann auch ohne Angst verteidigt. Und wenn es erforderlich ist, sich auch mal berufl­ich wegzuducken, wird man auch nicht gleich verbogen. Oder krank.

Wir brauchen ein gutes Rückgrat

Oder liegt die fundamentale Verschiebung der Macht der Werte hin zu einer Überbetonung materieller Er­rungenschaften daran, dass sie funktional sind? Ja, aber nicht pflegeleicht, denn auch sie fordern uns fi­nanziell und auch zeitlich unun­terbrochen heraus. Sie brauchen War­tung, müssen verwaltet und versi­chert werden und sol­len sich natürlich auch vermeh­ren. Dafür wird viel gear­beitet und selbst ein schlech­tes Betriebsklima in Kauf genommen. Die Angst, den in­dividuellen, materiell­en Appa­rat nicht mehr auf­rechterhalten zu kön­nen ist scheinbar grö­ßer, als die Angst vor Verlust der Selbst­achtung.

Kinder fordern uns mit ihrer Lebendigkeit oft bis über unsere Grenzen hinaus heraus. Sie erhe­ben einen scho­nungslosen Anspruch an unsere Ehrlich­keit und legen ihre Finger zielgerichtet in versteckte Wunden. Unwill­kürlich werden persönliche und fa­miliäre Verstrickun­gen aufgerüttelt. An diesen Schnittstellen entscheidet sich die Harmonie des Fa­milienlebens. Wenn wir Kinder haben, kön­nen wir einfach nicht mehr so weitermachen wie bisher. Das weiß jeder, der Kinder hat oder mit ih­nen zu tun hat.

Ich weiß nicht warum das so ist, aber man sobald Kin­der hat, verstärkt sich plötzlich einer zu­nehmender, teil­weise sehr unangenehmer Einfluss von außen. Es fängt damit an, dass jetzt zwei Familien mit­reden wol­len und geht weiter mit Nachbarn, Freunden, Autoritäten. Eine harte Zeit, bis man gelernt, den eigenen Stil zu finden und zu verteidi­gen.

Stand­punkte werden in Frage gestellt, Familien­werte wollen neu entwickelt werden. Es gibt nichts Festste­hendes. Echte Lebendigkeit strebt an, im Fluss zu sein und Kinder tragen entscheiden dazu bei.

Individuelle Freiheit und gegenseitige Abhängigkeit sind gleich wichtig für das Zusammenleben.“

Mahatma Ghandi

Aus­einandersetzungen sind ein Bestandteil des All­tagsgeschäft. Wie sie geführt werden, entscheidet wie­derum über den Re­spekt untereinander. Sind sie kon­struktiv, ver­mehren sich Harmonie und Selbstwertge­fühl. Leider kommt der moderne Mensch damit mal wieder an seine Grenzen, denn das erfordert Zeit, die er nicht mehr hat.

Einen Sechser im Lotto haben diejenigen, die be­reit und willens sind, sich von ihren Kin­dern aus Denkge­wohnheiten reißen zu las­sen.

Kinder regen geistiges Wachstum an

Wollen wir nicht weiter „auf Pump“ leben, ha­ben wir nur die Wahl, uns entschlossen zu wan­deln. Als Ge­schöpfe des Lebens sind wir aufgefordert, unsere Le­bensmöglichkeiten zu überprüfen und auszuschöpfen. Das Leben ist kein Selbst­zweck. Der einfachste Weg ist, uns von den klei­nen „Neu-Schöpfungen“, die wir in un­serem Haus und auf der Stra­ße herumlaufen se­hen, auf eine vergnügte und lustige Weise anstiften zu las­sen. Dann hätten wir es auch mit den Heran­wachsenden (die despektierlich Pubertierende ge­nannt werden) mit ih­ren neugierigen, unkoordinier­ten und noch unge­übten Versuchen der Selbstdar­stellung leichter.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder rich­tig „Sinn ma­chen“ wenn wir wieder Lust auf unsere verschüt­tete Neugierde haben und Kinder als ein Bündel an Lebens­möglichkeiten erkennen.

Kinderreichtum könn­te für eine Gesellschaft darin be­stehen, sich der unbeding­ten Liebe und Zu­neigung von Kindern hinzugeben und aus Dankbar­keit für so viel Le­bensfreude für sie so gut zu sorgen, wie man ver­mag. Kinder sind unsere Zu­kunft und da wollen wir doch alle hin, oder?

10. Kinder brauchen Liebe

­­­­­­„Die Umstände werden sich nach deinen Zielen richten“

M. Gandhi

Eine unwi­derrufliche Tatsache: Kin­der brauchen Lie­be. Ja, Kin­der brauchen Liebe. Und vor allem ver­schenken sie sie. Jeder ist schon einmal in den Ge­nuss von sponta­ner Liebesäußerung ei­nes kleinen Kindes gekom­men oder war von seinem La­chen ent­zückt oder von dem of­fenen Glanz seiner Augen überwältigt. Warum eigent­lich?

Kinder sind verwundbar

Kinder gehen mit offenen Augen durch die Welt, sind neugierig, wollen alles anfassen, alles wissen. Kinder stel­len Fragen ohne Unterlass, weil sie sich in dieser Welt zurechtfinden wollen. Sie sind unvorein­genommen und berühren damit die tiefs­ten Stellen unserer Ver­wundbarkeit. Es tut weh, wenn sie an unse­ren Lebens­lügen rütteln oder unsere Verstri­ckungen und Illusionen entlarven. Obwohl sie sich damit unbe­liebt machen, ma­chen sie immer weiter. Und das ist unsere Chance, Über­holtes über Bord zu wer­fen.

Genau dafür brauchen Kinder unsere Liebe. Wenn es bedin­gungslose Liebe überhaupt gibt, dann gälte sie un­seren Kin­dern. Offenbar haben wir soviel zu verteidi­gen, dass oft so getan wird, als seien sie un­sere Feinde. Wir schimpfen, schlagen (obwohl es mittlerweile verbo­ten ist) und sperren ein. Zu unse­rem Glück verzeihen Kin­der un­endlich viel, wenn wir sie unsere Liebe spüren lassen: „Es kommt auf ein paar tau­send Erziehungsfeh­ler mehr oder weni­ger gar nicht an, wenn Kinder unser Herz haben!“ (Kurt und Karin Kloeters, Kindererziehung durch Selbst­erziehung).

Kinder sind zu beneiden, denn sie ver­trauen in erster Linie auf ihre eigene Liebe zu den Eltern. Erst wenn El­tern aufhören ehrlich zu sein und ihr Vertrauen wieder­holt missbrauchen, werden sie auffällig und ver­halten sich unangepasst, wenn sie das Ge­fühl haben, sonst die Orientierung zu ver­lieren. In ihrer to­talen Ab­hängigkeit sind sie auf andauernd auf Selbstvergewisse­rung ange­wiesen.

Im Namen der Liebe wur­den leider immer wieder Gräueltaten begangen. Auch El­tern hören nicht auf zu beteuern, bei allzu strengen Maß­nahmen im Na­men der Liebe zu han­deln. Wie auch Kinder im Na­men der Liebe versu­chen, so perfekt wie möglich die an sie gestellten An­forderungen zu erfüllen. Was we­der gelingen kann, noch notwendig ist.

Kinder sind Brücken in den Himmel

Eltern und Kinder sind aufein­ander angewiesen, was zur Folge ha­ben kann, dass sich beide Seiten in Schuld­gefühlen und Feindselig­keiten verstricken. Die Versu­che, über Folg­samkeit oder aggressive For­derungen Si­cherheit ins ei­gene Leben zu bringen, helfen meist nur kurzfristig.

Vielleicht verhel­fen Ihnen diese Fra­gen zur Selbstrefle­xion zu mehr Klarheit:

  • Was wäre, wenn Sie sich als Eltern von den Erwar­tungen anderer befreiten?
  • Was wäre, wenn Sie sich vom Perfektionsdrang be­freiten?
  • Was wäre, wenn Sie aufhörten, Liebe als Beloh­nung oder Be­strafung zu benutzen?

10. Kinder brauchen Liebe

Die Reife einer Gesellschaft ist am

Umgang mit ihren Kindern abzulesen.

Was heißt das? Wenn Liebe Herzen höher schlagen lässt, wenn Liebe dazu beiträgt, Vertrauen in andere Menschen zu haben, wenn Liebe eine Brücke baut zu al­lem, was uns fremd erscheint und wenn Liebe unser Mitge­fühl weckt, dann ist es genau das, was Kinder brau­chen. Reife Menschen können lieben und Liebe wei­tergeben. Wenn wir uns zu uns selber be­kennen, begeg­nen wir allen Kin­dern, ei­genen und fremden, auf er­wachsene Weise. Die einzi­ge Vorausset­zung ist der Wunsch und Wille, das Wagnis einzugehen, sich von un­tauglichen Mythen zu befreien. Also, mit sei­nem Leben ins Reine zu kom­men.

Drei Dinge sind uns aus dem Paradies

geblieben: die Sterne der Nacht, die

Blumen des Tages und die Augen der Kinder.“
Dante Alighieri 1265-1321

Liebe braucht Ehrlichkeit und Kinder lieben Ehrlich­keit. Schenken wir ihnen Liebe und Ehrlich­keit, be­freit uns das nach und nach vom angestaubten Perfektionis­mus. Die Vor­stellung von perfekten Eltern, die per­fekte Kinder groß ma­chen für gut funktionierende Gesell­schaft, ist müh­sam. Die Mär von einer heilen Fa­milie ist Augenwische­rei und übt nur noch mehr Druck aus. Wer will das be­urteilen, denn jede Fami­lie hat ihre eigenen, subjekti­ven Interes­sen und Zie­le, die sie verfolgen und errei­chen will. Und jede Fa­milie hat ihr individuelles Drama, das gehütet wird und das sie auflösen möch­te. Famili­en un­terscheiden sich auch in der Art und Weise mit Konflik­ten, Leid oder Bedrohungen umzu­gehen. Sie unterschei­den sich darin, wie ehrlich sie mit sich selber und ihren Kindern umgehen.

Auch das können wir wieder von den Naturvöl­kern ler­nen: Auf dem Weg durchs Leben wird der Übergang von einem Lebensabschnitt in den nächs­ten kulturell beglei­tet. Niemand wird allein gelassen, es stehen stets Stam­mesmitglieder mit ihren Erfah­rungen zur Verfügung. In Ri­tualen wird Abschied ge­nommen von dem, was nicht mehr gültig ist, mit der gleichzei­tigen Einführung in die nächste Entwick­lungsphase, so dass jeder seinen spezi­fischen Platz in der Gesell­schaft ausfüllen kann.

Kinder brauchen die ganze Gemeinschaft

Wir haben das Gefühl dafür verloren, wie schutz­los Heranwachsende in den Übergängen sind. Unse­re Kin­der brauchen uns drin­gend. Sie brau­chen un­seren Le­bensmut, unsere Weitsicht und loslas­sende Fürsorge, gerade weil sie in totaler Abhängigkeit zu uns kommen. Die Verantwortung dafür, unsere Kin­der Schritt für Schritt aus dieser Abhängigkeit her­aus in die Welt der Verantwortung ein­zuführen, kön­nen wir nicht delegie­ren.

Ja, unsere Kinder in die Welt so wie sie ist, einführen. Nicht hinein prü­geln, drohen, einsperren. Wenn wir das nicht tun, er­schaffen wir uns große Probleme. Immer früher oder heftiger wird nach Drogen (Zigaretten, Al­kohol, Sex, Arbeit, Fit­ness, vielen bunten Pillen) gegrif­fen. Ab­hängigkeit macht nicht nur willfährig, sondern auch un­gemein wü­tend.

Es wird oft ge­sagt, dass Kinder ihre Grenzen »austes­ten«, und es ist auch nicht verwunderlich, dass viele Päd­agogen und El­tern der Meinung sind, man solle den Kin­der mehr Gren­zen setzen und überhaupt strenger und konsequen­ter in der Erzie­hung sein. Meiner Erfahrung nach ist es je­doch zweckmäßiger, keine »Diagnose« zu stellen, sondern den Mangel oder die Sehnsucht eines Kin­des zu er­gründen. Denn Kinder, die angeb­lich ihre Gren­zen »austesten«, su­chen gewissermaßen nach der wah­ren Persönlichkeit ih­rer Eltern. Sie wollen wissen, wer ihre El­tern eigentlich sind und wofür sie stehen.

Die kompetente Familie – das familylab-Buch S.27“

Kindern unsere Liebe zu schenken, beinhaltet auch, ih­nen zu zeigen mit Niederlagen umzuge­hen. Um eine Niederlage gut einstecken zu können, muss jemand vor­her schon eine ganze Menge Trost erfah­ren haben. Spä­testens in der Niederlage selber brau­chen wir Trost. Und zwar Trost, der von Gefühlen ge­tragen wird, die aus dem Herzen kommen.

Kindern unsere Liebe zu schenken, drückt sich außer­dem darin aus, sie an die Hand zu nehmen und sie durch ihren Alltag zu führen. Sie werden folgen, ganz sicher – Kinder lieben ihre Eltern aufrich­tig und wollen dazu ge­hören. Machen wir es ihnen doch einfach leichter.

Mehr Liebe kann nicht schaden

Es liegt an dieser durchstrukturierten gegenseiti­gen Abhängigkeit, dass Eltern und Lehrer in einem perma­nenten Interessenkonflikt gefangen sind. Sehr oft ver­bünden sich Eltern mit den Lehrern aus Angst, ihrem Kind sonst zu schaden. Es liegt auf der Hand, wie allein gelas­sen sich das Kind damit fühlt. Aber auch Lehrer fühlen sich missverstanden.

11. Ein Wort zu guter Letzt

Nur die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist vollstän­dig.“

Albert Schweitzer

Wer Kindern und Jugendlichen nicht schaden will, kommt an den Eltern nicht vorbei. Erzieher und Leh­rer können für Eltern wunderbare Ratgeber und Be­gleiter sein, wenn sie sich als Unterstützer und nicht als Lehr­meister verstehen. Eltern sollten so­gar darin unter­stützt werden, zu ih­ren persönli­chen und fami­liären Interes­sen zu stehen und zu vertreten – das stärkt auch die Kin­der.

Eltern brauchen Respekt

Deshalb plädiere ich für eine unein­geschränkte Stär­kung der Eltern durch Respekt vor ihrem Urteil, ihren Entscheidungen, ihren Wahrneh­mungen. Sie sind für ein Kind nun einmal die höchs­te Autorität. Wenn diese in­frage gestellt werden, fühlt sich auch das Kind in­frage gestellt. Für eine verlässliche, leis­tungsstarke und mit­fühlende Gesell­schaft brauchen wir ver­lässliche, leis­tungsstarke und mitfühlende El­tern. Alle Kinder können es schaffen, wenn wir die Eltern stärken.

Wollen wir Selbstverantwortung und Hilfsbereit­schaft in unse­rer Gesellschaft zur Entwicklung brin­gen, brau­che wir ein instinktives Gespür dafür, Kind­lichkeit und Kind­heit, Jugend­lichkeit und Reife aus­einanderzuhalten. Wir brauchen auch einen Leis­tungsstaat, der echte Leis­tung belohnt und nicht so­zial Schwache zu Helden er­klärt. Wir brau­chen die Leistungsschule, die eine ganz­heitliche Leis­tung an­erkennt und nicht durch Konkur­renzdruck insge­heim für eine unzulässige Auslese sorgt.

Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte,

solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.“

A. Einstein

Bildung lässt sich nicht auf Schule, Schulformen oder Noten reduzieren, sondern Bildung ist eine Hal­tung dem Leben und seinen Verant­wortlichkeiten, Pflichten und Aufgaben gegenüber. Wis­sen allein macht nicht ge­bildet, denn echte Bil­dung ist ange­wandtes Wissen.

Würde Bil­dung zwangsläufig zu „gebil­detem Verhalten“ führen, wäre es nicht zu der erschre­ckenden Tatsache ge­kommen, dass der Missbrauch von Kindern in allen Gesell­schaftsschichten zu finden ist. Da­bei denke ich nicht nur an den besonders verwerfli­chen sexuellen Miss­brauch, der in extremer Weise auf­zeigt, wie we­nig wir uns für den Schutz der von uns ab­hängigen Kinder verantwortlich fühlen.

Ich denke da auch an emotionalen oder men­talen Miss­brauch, der meist sehr subtil daher kommt und sehr verbreitet ist. Jede Körperstrafe, auch der stets ver­harmloste Klaps auf den Po und der Schlag auf klei­ne Hände, ist ein widriger Missbrauch von Überlegen­heit und Macht. Al­len die die­ses Lied noch nicht ken­nen empfeh­le ich den folgen Link.

Jeder, der Verantwortung für andere und ganz beson­ders für Kinder trägt, sollte sich folgendes be­wusst ma­chen: Alle Formen von Missbrauch führen zu emotiona­ler Abhängigkeit und stellen Abhängig­keiten her. Aber Abhängige werden entweder süch­tig oder gewalttätig gegen sich und andere. Die einen streben an, ihr Leben mit Suchtmitteln erträg­licher zu machen, die an­deren holen zum „Befrei­ungsschlag“ aus. Wer kann sich da noch über die Zu­nahme von Sucht und Gewalt in unse­rer Gesell­schaft wundern? Wer kann da noch mit gutem Ge­wissen ratlos reagieren? Nur diejenigen, die Angst vor Ein­sichten und ihren Konse­quenzen haben.

Alles Wissen ist Erinnerung.“

Thomas Hobbes

Wenn wir beginnen, unseren Kindern zu zeigen und vorzumachen, wie man ein erwachsenes Leben führt mit allem, was dazu gehört, sind wir auf dem richti­gen Weg. Wer diesbezüglich nicht bei sich selber beginnt, hat schon verloren.

Bildung ist eine nationale Verantwortung

Von ei­ner gebil­deten Gesellschaft lässt sich erwarten, dass sie nicht nur versucht, Schüler konkurrenzfähig zu machen, son­dern selber auch eine verantwortungsvolle Haltung gegen­über allen anderen einnimmt. Das geht nämlich uns alle an: Junge Erwachsene, Ledige, Paare, Familien, Bil­dungs- und Ausbildungs­stätten und ganz besonders auch die wachsende An­zahl von Älteren.

Jedenfalls ist es besser, ein eckiges Etwas zu sein,

als ein rundes Nichts.

Friedrich Hebbel

Die Schulen, Lehrer und Schüler, die wir haben, haben wir zu verantworten. Solange die allge­meine Hal­tung gegenüber der Schule von Schülern, Eltern sowie der Öffentlichkeit dadurch geprägt ist, sie entweder an­zufeinden oder lächerlich zu machen oder sich beson­ders strebsam anzupassen, kann et­was an dem ganzen System nicht stimmen. Die Schulzeit ist nur eine Über­gangszeit im Leben eines Menschen, in einem Schülerle­ben nimmt sie aller­dings eine herausragende Position ein. Hat sie da nicht allergrößte Sorgfalt Verdient? Vor al­lem und gerade dann, wenn sie zur gesetzlichen Schul­pflicht erhoben wird. Es kann doch nicht sein, dass selbst erfolgreiche Leute noch im fortgeschrittenen Al­ter in ihren Träumen von der Angst vor Abiturarbeiten ein­geholt werden!

Wenn aber Eltern selber immer noch Angst vor der Schu­le ha­ben und diese Angst auf ihre Kinder durch entsprechende Maßnahmen wie starre Forderungen, zuvorkom­mende Nachgiebig­keit, Strafen oder Stubenar­rest übertragen, ist die Schul­zeit oft nur brüchiges Fun­dament.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es Eltern, Schü­ler und Lehrer leichter miteinander hätten, wenn sie eine freiwillige Allianz eingehen könnten. Lernfreu­de, gute Umgangsformen und gegenseitigen Respekt können nicht erzwungen, sondern müssen erlebt werden. Wenn Wissensvermittlung nicht zu ei­nem „gebilde­ten Leben“ führt, ist es nutzlos. Die gesell­schaftlichen Verhältnisse sind viel zu komplex, als dass wir uns die­sen Selbst­zweck noch leisten könn­ten. Es ist an der Zeit nachhaltig umzudenken. Bil­dung muss dienen. Wenn es uns gelän­ge, Bildung von ihrem Selbstzweck zu befreien, hin zu ei­nem Zweck, würde sie eine ungeheure Motivati­ons- und Schubkraft entwickeln.

„Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist

sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbe­kannte, für die Mutigen die Chance“

Viktor Hugo

Die Bildungskrise ist eine Krise der Werte. So wie jede Generation ihre eigene Musik, ihre eigenen Fil­me, ihr ei­genes Credo hat, so entwickelt auch jede Generati­on ihre eigenen Werte, von denen sie sich Halt und Orien­tierung verspricht. Darin besteht eine der wichtigsten Auf­gaben einer Ge­sellschaft und al­len Ver­antwortlichen: Ih­ren Nachwuchs darin zu bil­den, mutig zu sein und einen eigenen indivi­duellen Weg zu finden und ihn auch ver­teidigen zu kön­nen. Dann würden wir den Kindern hel­fen nicht nur voll­jährig, sondern auch erwachsen zu werden.

12. Liebe Leserinnen und Leser,

ich möchte mich nun von Ihnen verabschieden. Was Sie auf diesen Seiten gelesen haben, wird Sie mehr oder weniger angesprochen ha­ben. Das ist normal. Wenn ich Sie aber anregen konn­te, wei­ter zu denken oder zu neu­en Einsichten zu gelan­gen, dann hat sich die Arbeit ge­lohnt. Wenn Sie wieder­um ein verändertes Denken in die Welt tragen, hat es sich vor al­lem für unsere Kinder und Jugendlichen ge­lohnt. Selbst dann, wenn wir noch viel Geduld brau­chen.

Meine Bitte wiederum an Sie: Vergessen Sie Ihr in­neres Kind nicht – lassen Sie es wieder so quickle­bendig wer­den, wie in alten Zeiten. Dafür gibt es kei­ne Alters­grenze. Vergessen Sie Ihre Begabungen nicht, sie sind nur verschüttet, nicht weg. Vergessen Sie Ihre Lebensfreude nicht, sie ist Ihr Lebenselixier.

Ihre

Viktoria Ham­mon

1. Auflage 2015

Covergestaltung: Viktoria Hammon

Coverbild: viktoriahammon.de

Autorenbild: www.caruccio.de

Lektorat: Claudia Gärtner

Copyright © 2015 Viktoria Hammon

Alle Rechte vorbehalten

Vollständige Versionen von Disclaimer und Impressu­m befin­den sich am Ende des Buches.

Über den Autor/die Autorin

Danksagung

Wenn Sie mehr lesen wollen …

  • Montessori, Maria, Grundlagen meiner Pädago­gik, Quel­le & Meyer Verlag (1968)
  • http://www.bildunginfreiheit.de/filead­min/material/Schulge­setz_von_1938.pdf
  • Gibran, Khalil, Der Prophet von Walter Verlag AG, Olten (1973)
  • Miller, Alice, Am Anfang war Erziehung, Suhr­kamp Taschen­buch (1983)
  • Hannaford, Carla, Bewegung, das Tor zum Ler­nen von VAK (1997)
  • http://www.familie-ist-zukunft.de/sei­te/wp-content/uploads/2010/06/jae­ckel_Die-heimliche-Entmach­tung-der-Eltern.pdf
  • Schellenbaum, Peter, Die Spur des ver­borgenen Kindes, dtv (1998)
  • Doc Childre, Howard Martin, Die Herzin­telligenz Method­e, VAK (2000)
  • Hüther, Gerald, Bedienungsanleitung für ein menschli­ches Ge­hirn, Verlag Vanden­hoeck & Ru­precht (2002)
  • Servan-Schreiber, David, Die neue Medi­zin der Emotio­nen, Ver­lag Kunstmann (2004)
  • Bauer, Joachim, Warum ich fühle, was du fühlst, Heyne (2006)
  • Neuenfeld, Gordon, Gabor Maté, Unsere Kinder brau­chen uns! Ge­nius Verlag (2006)

Impressum:

Verantwortlich für Inhalt und Gestaltung

Viktoria Astrid Hammon

Gutenbergstr. 1A

41564 Kaarst-Büttgen

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Für Ratgeber

Rechtlicher Hinweis: Alle Ideen in diesem Buch, so hilf­reich sie auch sein mögen, ersetzen daher im Zweifelsfall keinen entsprechend ausgebildeten Spezialisten. Die Verantwortung für das Befolgen jeglicher Ratschläge liegt daher immer beim Leser und niemals beim Autor!

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